Stadtführung durch die Feldkircher Altstadt · Ablauf für 60 Minuten · Anlässlich der Rheticus-Mathematiktagung der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg vom 24. bis 26. September 2026 · ~1,2 km, flach, barrierearm · Höhepunkt: Rheticus-Denkmal am Dom Alle Angaben mit Quellenbeleg · Literaturverzeichnis nach APA 7 am Ende · Illustrationen: KI-generiert nach dokumentierten Bauaufnahmen · Foto Schwurhand: Johann Jaritz (CC BY-SA 3.0 AT)
Diese Seite am Handy öffnenwww.schroffenegger.at/vortraege/rheticus2026/stadtfuehrung/fuehrung.html
Karte mit allen sieben Stationen, eigener Standort, Simulation zum Denkmal und alle Quellen.
Zur Entstehung dieses Leitfadens
Konzept, Auswahl und Abfolge der Stationen sind im Gespräch zwischen Thomas Schroffenegger und
einem KI-Assistenten (Claude Code) entstanden. Die Literaturrecherche, die Prüfung der Quellen und die
Ausformulierung sämtlicher Texte stammen ausschließlich vom KI-Assistenten. Belege sind im Text und im
Literaturverzeichnis angegeben; wo eine Aussage Deutung und nicht Quelle ist, steht das ausdrücklich dabei.
Die Führung selbst hält Thomas Schroffenegger. Anlässlich der Rheticus-Mathematiktagung der Pädagogischen Hochschule Vorarlberg vom 24. bis 26. September 2026.
Die Route auf einen Blick
Treffpunkt — zwei Möglichkeiten: Wir gehen direkt vom Hörsaal gemeinsam zum Katzenturm. Wer nachkommt oder mit anderen Verkehrsmitteln unterwegs ist, trifft uns um 11:40 direkt beim Katzenturm (Herrengasse 18).
#
Zeit
Station
Reden
Kernbotschaft
1
11:40
Katzenturm (Treffpunkt)
6′
Feldkirch 1514: 1.500 Einwohner — und trotzdem Weltgeschichte
2
11:48
Marktgasse (Toggenburgerhaus)
7′
Markt, Patrizier und ein Rechenmeister — plus James Bond
3
11:57
Johanniterkirche + Toggenburgerhaus
7′
Der „Bläsi" 1510 & die Faust-Sage (der „Bläsi" ist die eiserne Ritterfigur der Turmuhr von 1510 n. Chr. an St. Johann — sie schlägt mit der Streitaxt die Stunden)
4
12:06
Rathaus
7′
Der Prozess gegen den Vater 1528 — und wie daraus der Name „Rheticus" wurde
5
12:15
Dom St. Nikolaus + Rheticus-Denkmal ★
12′
Sonnenuhr-Bank, wahrer Mittag, Kalendermathematik
6
12:29
Blick zur Schattenburg
4′
Der Vogt über der Stadt · 833-Gulden-Rechnung
7
12:34
Neustadt / Lateinschule
5′
„Die beste Lateinschule im Bistum Chur" + Otho-Finale
Puffer ~5 min. Wenn's knapp wird: Station 6 in Station 5 integrieren (Burg ist vermutlich vom Domplatz-Bereich sichtbar).
Die Punkte 1 bis 7 folgen der Route. Ein Klick auf einen Punkt zeigt Station, Uhrzeit und einen Navigations-Link.
Der Standort funktioniert nur über eine verschlüsselte Verbindung (https) und nach Freigabe im Browser.
Die Stationen
1Katzenturm — „Feldkirch um 1514"
11:40 · 6 min · Einstieg
Der Katzenturm — Teil der Stadtbefestigung, erbaut unter Maximilian I.
1491–1507 unter Maximilian I. erbaut; Name vermutlich von den „Katzen" (Geschützen) . Beherbergt die größte Glocke Vorarlbergs (~8,5 t , läutet freitags 15:00).
Wörtlich in der Quelle: „Um 1500 lebten in Feldkirch ca. 1500 Personen. Das Steuerbuch des Jahres 1539 zählt 552 steuerpflichtige Bürger und 33 Hintersassen. Das waren in Feldkirch geduldete Personen, die kein Bürgerrecht hatten." (Volaucnik 2013, S. 58)Ergänzung für die Führung: Hintersassen zahlten für diese Duldung ein Schutzgeld, hatten keine Stimme in der Bürgerversammlung und keinen Anteil am Gemeindegut — meist Zugezogene, Tagelöhner, Knechte und Mägde. Achtung bei den Zahlen: 552 steuerpflichtige Bürger sind Steuerzahler, nicht Köpfe; die rund 1.500 EW sind die Gesamtbevölkerung.
Stadtgründung um 1200 (Hugo I. von Montfort), erste Erwähnung 1218.
Raten lassen: „Wie viele Einwohner hatte Feldkirch, als Rheticus 1514 n. Chr. geboren wurde?" — Auflösung: rund 1.500 EW. Dann nachschieben: Zwischen 1491 und 1550 n. Chr. fast 300 Universitäts-Immatrikulationen aus dieser Kleinstadt!
Fact-Box: die Welt um 1514 n. Chr.
Astronomie: Um 1514 n. Chr. kursiert handschriftlich Kopernikus' „Commentariolus" — die Sonne im Zentrum, die Erde ein Planet. Gedruckt wird das Hauptwerk erst 1543 n. Chr., auf Betreiben des damals 25-jährigen Rheticus.
Vorderasien: Am 23.08.1514 n. Chr. schlägt Sultan Selim I. bei Tschaldiran Schah Ismail I. Artillerie und Handfeuerwaffen entscheiden die Schlacht; die Grenze zwischen Osmanen und Persien liegt in Grundzügen bis heute dort.
Ostasien: 1513/1514 n. Chr. erreichen die ersten portugiesischen Schiffe Südchina — der Beginn des direkten Seehandels zwischen Europa und China. In Peking regiert der Ming-Kaiser Zhengde (1505–1521 n. Chr.).
Amerika: Tenochtitlán, die Hauptstadt der Azteken unter Moctezuma II., zählt geschätzt 150.000–200.000 EW — etwa das Hundertfache von Feldkirch. Cortés landet erst 1519 n. Chr., das Inkareich unter Huayna Cápac steht auf seinem Höhepunkt.
Afrika: Am Niger blüht das Songhai-Reich unter Askia Mohammed I. (1493–1528 n. Chr.); Timbuktu ist Handelsplatz und Gelehrtenstadt mit Universitätsbetrieb.
Maßstab: Auf der Erde leben um 1500 n. Chr. geschätzt 450–500 Mio. EW — rund ein Sechzehntel der heutigen Weltbevölkerung von etwa 8 Mrd. EW.
Die Quelle wörtlich: Der Artikel überschreibt den Abschnitt mit „Ein Fünftel der Feldkircher studierte" und schreibt im Text: „Bemerkenswert ist der hohe Anteil von Feldkirchern, die an Universitäten studierten. Zwischen 1491 und 1550 konnten fast 300 Immatrikulationen nachgewiesen werden, und das bei einer Einwohnerzahl von 1500 Personen." (Volaucnik 2013, S. 59)
Eigene Anmerkung dieses Leitfadens — sie steht nicht in der Quelle: Der Fließtext ist präzise, er spricht von Immatrikulationen. Das „Fünftel" der Überschrift entsteht erst durch die Division 300 ÷ 1.500 — und genau dieser Schritt vergleicht Ungleiches.
Zähler und Nenner messen Verschiedenes: eine Summe über 60 Jahre gegen den Stand an einem Stichtag.
Warum die Quote zu hoch wirkt — drei Gründe
Fluss gegen Bestand: Die rund 300 Einschreibungen sind die Summe von 60 Jahren, also etwa 5 pro Jahr. Die 1.500 EW sind der Stand eines einzigen Jahres. In 60 Jahren lebten aber zwei bis drei Generationen in der Stadt — der passende Nenner wäre also ein Vielfaches.
Doppelzählungen: Gezählt werden Einschreibungen, nicht Köpfe. Ein Universitätswechsel war damals üblich; wer dreimal inskribierte, steht dreimal in der Statistik.
Falsche Grundgesamtheit: Infrage kamen nur junge Männer, grob im Alter von 15 bis 20 Jahren — nicht alle 1.500 EW. Zugleich wurden Schüler der berühmten Feldkircher Lateinschule aus dem Umland in den Matrikeln oft als „aus Feldkirch" geführt.
Ehrlich formuliert: rund fünf Universitäts-Einschreibungen pro Jahr aus einer Stadt mit 1.500 EW. Das ist immer noch bemerkenswert — aber es ist eine andere Aussage als „ein Fünftel studierte". Genau dieser Fehler begegnet Schüler:innen heute ständig: Wenn man eine Summe über viele Jahre durch eine Bevölkerung von heute teilt, kommt jede beliebige Schlagzeile heraus.
2Marktgasse — „Bürgerstadt, Markt und Rechenmeister"
11:48 · 7 min · unter den Lauben, beim Toggenburgerhaus (Nr. 4)
Die Marktgasse mit ihren durchlaufenden Laubengängen.
Spätgotische Erker springen über die Gasse vor — der prominenteste gehört zum Toggenburgerhaus (Marktgasse 4), dessen Kern um 1452 entsteht und der bis an die Johanniterkirche reicht (Bauer, 2014a). Diese Gasse stand also bereits, als Rheticus hier als Kind entlanglief. (Der oft genannte Erker „Marktgasse 11 von 1512" ließ sich in keiner Quelle verifizieren — vor Ort prüfen.)
frühestens 1549 n. Chr.: „Neben der Lateinschule entstand auch eine deutsche Schule, frühestens 1549. In diesem Jahr wurde der Ravensburger Johannes Häberlin als deutscher Schul- und Rechenmeister angestellt." Eine Darstellung dieser Schule von 1553 n. Chr. „zeigt eine einklassige Schule, in der Buben und Mädchen gemeinsam im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet werden". (Volaucnik 2013, S. 59)
Was ist eine „deutsche Schule" — und was ein Rechenmeister?
Zwei Schularten nebeneinander. Die Lateinschule bereitete auf die Universität vor: Latein, Grammatik, Rhetorik — diesen Weg ging Rheticus. Die deutsche Schule unterrichtete in der Alltagssprache und zielte auf den Beruf: Lesen, Schreiben und vor allem Rechnen für Handel und Handwerk.
Der Rechenmeister war ein bezahlter Fachlehrer für praktisches Rechnen: Dreisatz, Währungsumrechnung, Maße und Gewichte, Zins, einfache Buchhaltung — gerechnet zunehmend „mit der Feder" in arabischen Ziffern statt auf dem Rechenbrett. Das war Marktwissen und passt genau hierher, an die Marktgasse der Kaufleute.
Ist ein Rechenbrett ein Abakus? Im weiten Sinn ja, im engeren nein. Der Kugel-Abakus, den wir heute vor Augen haben (chinesischer Suanpan, russische Stschoty), hat aufgefädelte Kugeln auf Stäben. In Mitteleuropa rechnete man dagegen auf den Linien: Waagrechte Linien auf Brett oder Tuch stehen für 1, 10, 100, 1000 — die Zwischenräume für 5, 50, 500. Darauf legt und verschiebt man lose Rechenpfennige, und statt zu addieren tauscht man um: zehn Pfennige auf der Einerlinie gegen einen auf der Zehnerlinie. Beides sind Stellenwert-Rechenhilfen, die Bauform ist verschieden.
Der Umbruch, den ein Rechenmeister unterrichtete: „Rechnen auf der Linie" mit Pfennigen gegen „Rechnen mit der Feder" in indisch-arabischen Ziffern. Das Brett zeigt jeden Schritt, lässt sich aber nicht aufheben; die Feder hinterlässt einen nachprüfbaren Rechenweg — die Voraussetzung für Buchhaltung, Fernhandel und später für Rheticus’ Rechentafeln.
Buben und Mädchen. Belegt ist das durch eine Darstellung der Schule von 1553 n. Chr.: eine einklassige Schule, in der beide Geschlechter gemeinsam lesen, schreiben und rechnen lernen (Volaucnik 2013, S. 59). Zur Universität kamen nur Männer — kaufmännisches Rechnen lernten auch Mädchen.
Zeitlicher Bezug: 1549 n. Chr. ist 35 Jahre nach Rheticus' Geburt (1514 n. Chr.). Die Kleinstadt investiert also in beide Bildungswege — der akademische hatte ihren berühmtesten Sohn hervorgebracht, der praktische hielt die Wirtschaft am Laufen.
Der Wettstreit der Rechenarten, wie ihn Rheticus' Jahrhundert sah: links das Rechnen mit der Feder
in indisch-arabischen Ziffern, rechts das Rechnen auf den Linien mit Rechenpfennigen auf dem Brett.
Holzschnitt „Typus arithmeticae" aus Gregor Reischs Margarita Philosophica, 1503 n. Chr. — elf Jahre vor Rheticus' Geburt.
Bild: Library of Congress, gemeinfrei, via
Wikimedia Commons.
Sommer 2008: James-Bond-Dreh („Quantum of Solace") in der Marktgasse — der Lockerungs-Gag.
Wer hat Rheticus nach Wittenberg gebracht — und wann?
Der Förderer in Feldkirch:Achilles Pirmin Gasser, der Arzt, der nach der Hinrichtung von Rheticus' Vater 1528 n. Chr. dessen Stelle als Stadtarzt übernahm. Er „half Rheticus, seine Studien fortzusetzen, und war ihm eine starke Stütze" (O'Connor & Robertson 1998, MacTutor). Ohne solchen Rückhalt wäre der Sohn eines Hingerichteten kaum an eine Universität gekommen.
Der Türöffner in Wittenberg:Philipp Melanchthon, Luthers engster Mitarbeiter und Organisator des protestantischen Bildungswesens. Seine Patronage verschaffte Rheticus die Stelle für Mathematik und Astronomie (MacTutor; Wikipedia, Georg Joachim Rheticus).
Was ist Wittenberg? Universitätsstadt in Sachsen, rund 600 km von Feldkirch entfernt. Die Universität von 1502 n. Chr. war ab 1517 n. Chr. das Zentrum der Reformation — und Melanchthon förderte dort ausgerechnet Mathematik und Astronomie.
Empfehlung statt Bewerbung: Aufnahmeverfahren, wie wir sie kennen, gab es nicht. Wer weiterkam, brauchte jemanden, der für ihn bürgte — ein Schreiben an einen Professor, dazu oft Kost, Logis und Studiengeld.
Die Reihenfolge, damit nichts durcheinandergerät: 1514 n. Chr. Geburt · 1528 n. Chr. Hinrichtung des Vaters · 1528–1531 n. Chr. Schule in Zürich · 1533 n. Chr. Immatrikulation in Wittenberg · 1536 n. Chr. Magister und Lehrauftrag · Oktober 1538 n. Chr. Aufbruch zu Kopernikus, ab Mai 1539 n. Chr. in Frauenburg (MacTutor). Der Brief an den Feldkircher Stadtammann fällt erst in die Zeit danach — Rheticus schreibt als etablierter Gelehrter in die Heimat zurück, nicht als Bittsteller.
Ehrlich zur Quellenlage: Dass ausgerechnet Gasser die Empfehlung nach Wittenberg ausgesprochen hat, steht in unserer Zeitleiste, ließ sich in den geprüften Quellen aber nicht belegen. Belegt ist: Gasser förderte ihn in Feldkirch, Melanchthon holte ihn in Wittenberg auf die Stelle. Wer es genau braucht, prüft Burmeister (1967–1968).
Rheticus in einem lateinischen Brief an den Feldkircher Stadtammann (Bürgermeister) Heinrich Widnower: „… Denn will man die Jugend begeistern, so kommt es darauf an, dass sich die führenden Persönlichkeiten für die Wissenschaft einsetzen … Es steht den Regierenden gut an, die Studien nicht nur kraft ihres Einflusses anderen zu empfehlen. Vielmehr müssen sie auch der verkehrten Meinung der Masse entgegentreten, dass nur der materielle Gewinn zählt …" (zitiert nach Volaucnik 2013, S. 59; dort ohne Jahresangabe)
Worum es in diesem Zitat geht
Wer ist der Adressat? Der Stadtammann war der oberste Amtsträger der Stadt, vergleichbar mit einem Bürgermeister — der Titel ist im alemannischen Raum üblich. Rheticus schreibt also aus der Ferne an die politische Spitze seiner Heimatstadt. Hinweis: Eine frühere Fassung dieses Leitfadens datierte den Brief auf 1542 n. Chr. — im zitierten Artikel steht kein Jahr. Wer die Datierung braucht, prüft sie bei Burmeister (1967–1968).
Was wollte er damit? Solche Widmungsbriefe waren die Öffentlichkeitsarbeit der Gelehrten: Man widmete ein Buch einer Obrigkeit und warb im selben Atemzug um Unterstützung — für Schulen, für Stipendien, für die eigene Arbeit. Rheticus argumentiert nicht mit Nutzen, sondern mit Vorbild: Wenn die Angesehenen einer Stadt sich sichtbar für Wissenschaft einsetzen, folgt die Jugend.
Gegen welche Haltung schreibt er an? Gegen die verbreitete Meinung, Bildung lohne nur, wenn sie unmittelbar Geld bringt. Genau deshalb fordert er von den Führenden, dieser Meinung öffentlich zu widersprechen.
Warum das persönlich war. Rheticus war selbst ein Kind solcher Förderung: Nach der Hinrichtung seines Vaters 1528 n. Chr. ermöglichten ihm Gönner — allen voran der Feldkircher Stadtarzt Achilles Pirmin Gasser — den Weg an die Universität. Er weiß also aus Erfahrung, woran es hängt.
Der Zusammenhang im Artikel. Der Stadtarchivar führt den Brief als Beleg dafür an, „wie wichtig den Feldkirchern die Wissenschaft, das Studium war" (Volaucnik 2013, S. 59). Der Brief ist also nicht nur Rheticus' Privatmeinung, sondern Teil einer Stadtkultur, die Studienstiftungen einrichtete.
Das Widnower-Zitat ist bei Lehrpersonen ein Selbstläufer — 480 Jahre alt und klingt wie aus der aktuellen Bildungsdebatte. Dazu: Rheticus verdankte „die ersten Kenntnisse der Zahlen" seinem Vater.
Kulinarik-Bonus:Achilles Pirmin Gasser — der Arzt, der nach der Hinrichtung Iserins dessen Stelle als Feldkircher Stadtarzt übernahm und der später den jungen Rheticus nach Wittenberg empfahl — schwärmte von der Stadt: „…eine erwünschte Schnabelweid von edlem Gevögel … guten Landwein, feißt Fleisch, Käß, Ancken oder Butter und wolgeschmacktem Obst."
Was heißt das auf Heutigem? Gasser schreibt Frühneuhochdeutsch mit alemannischem Einschlag — sinngemäß: „…ein begehrter Gaumenschmaus aus edlem Geflügel … guter Landwein, fettes Fleisch, Käse, Butter und wohlschmeckendes Obst."
Schnabelweid — wörtlich „Weide für den Schnabel", also Gaumenfreude, Leckerbissen. Das Wort lebt im Alemannischen bis heute (der SRF-Dialektsendung „Schnabelweid" hat es den Namen gegeben).
edles Gevögel — feines Wildgeflügel; gemeint sind die im selben Text genannten Auerhähne und Haselhühner.
feißt Fleisch — „feistes", also fettes Fleisch. Im 16. Jahrhundert ein Lob: Fett bedeutete Nährwert und Wohlstand, mageres Fleisch war Armeleuteessen.
Ancken — alemannisches Wort für Butter (in der Schweiz und in Vorarlberg bis heute „Anken"). Gasser schreibt „Ancken oder Butter", weil er seinen auswärtigen Lesern das Dialektwort gleich mitübersetzt — Sprachvermittlung anno 1530.
wolgeschmackt — wohlschmeckend.
Und noch ein Zahlenbild: Beim Feldkircher Kinderfest 1539 wurden 13 Kessel Hirsebrei gekocht.
Warum Hirse? Und wie groß ist ein Kessel?
Hirse war hier Grundnahrungsmittel. Kartoffel und Mais kamen erst später aus Amerika und setzten sich in unseren Breiten erst im 17. und 18. Jahrhundert n. Chr. durch. Davor war Rispenhirse im Alpenraum eines der wichtigsten Getreide: Sie reift in rund 100 Tagen, kommt mit magerem Boden und Trockenheit zurecht, lässt sich als Notfrucht noch nach einem verhagelten Frühjahr anbauen und hält sich trocken gelagert jahrelang. Gegessen wurde sie fast immer als Brei — Mehl zum Backen gibt Hirse nicht her, weil ihr das Klebereiweiß fehlt.
Brei war Alltag, nicht Armut. Ein Kessel über dem Feuer, Wasser oder Milch, Hirse hinein: Das war die Küche, die für viele Menschen gleichzeitig funktionierte — deshalb taugte sie fürs Fest. Süß mit Most oder Honig, herzhaft mit Speck.
Der berühmteste Hirsebrei der Region: 1456 n. Chr. brachten Zürcher Bürger einen Kessel heißen Hirsebreis in einem Tag nach Straßburg, um zu beweisen, wie schnell sie im Ernstfall zu Hilfe kämen — die „Zürcher Hirsebreifahrt". Rheticus, der nach 1528 n. Chr. in Zürich zur Schule ging, kannte die Geschichte mit Sicherheit.
Und die Kesselgröße? Ein genormtes Maß gibt es nicht, die Quelle nennt nur die Zahl 13. Genau deshalb ist das eine schöne Schätzaufgabe für unterwegs: Rechnet man je Kind eine Portion von etwa 0,4 l, so füllt ein Kessel von rund 60 l etwa 150 Portionen — 13 Kessel ergäben also grob 2.000 Portionen. Das ist mehr, als die Stadt Kinder hatte (Feldkirch zählte um 1500 n. Chr. rund 1.500 EW insgesamt). Also war entweder der Kessel deutlich kleiner, oder es aßen alle mit, oder es wurde mehrfach geschöpft. Diese Art zu rechnen — grobe Annahme, Plausibilitätsprüfung, Schlussfolgerung — ist genau das, was die Mathematikdidaktik „Problemlösen“ nennt.
Johanniterkirche: an ihr hängt die erste urkundliche Erwähnung Feldkirchs (1218); Schwurhand von 1405 = Asylrecht. Belegt ist dazu: Die Johanniter errichteten „1405 … das ‚Asylhaus‘ (Marktgasse 1/Johanniter Hof) wo flüchtige Übeltäter die vor dem Gesetz auf der Flucht waren, Schutz fanden. … Lediglich das Asylzeichen mit der Schwurhand im Laubenbogen erinnert daran." (Bauer 2011, VOL.AT) In der Kirche selbst zeigt „die Decke ein freskiertes Rundmedaillon Sigillum refugii mit Schwurhanddarstellung und der Jahresangabe 1405" (Wikipedia, Johanniterkirche (Feldkirch)). Für die Führung heißt das: Die echte Feldkircher Schwurhand ist im Laubenbogen bei Marktgasse 1 zu zeigen — also schon an Station 2.
Der „Bläsi" (1510 n. Chr.): „Zwei Jahre zuvor erteilte der Stadtrat dem Uhrmacher Heinrich Mertz den Auftrag an der Kirche St. Johann ein neues ‚Horologium‘ mitsamt Schlagwerk anzubringen: den sogenannten Bläsi. Diese kleine Ritterfigur aus Eisen, in einem Harnisch steckend mit einer Sturmhaube auf dem Kopf, schlägt mit einem Streitaxt auf eine Glocke und gibt damit die Uhrzeit bekannt." (Volaucnik 2013, S. 60)Und heute? Der Bläsi ist weiterhin in Betrieb: „Seit 1510 befindet sich im Turm eine Ritterfigur, die ‚Bläsi‘ genannt wird und mit Hammerschlägen auf eine Glocke die Zeit angibt." (Wikipedia, Johanniterkirche (Feldkirch), nach Informationstafeln vor Ort) Auch der Tourismusverband führt ihn als „kleines, glockenschlagendes Männchen von 1510" (Bodensee-Vorarlberg Tourismus, o. D.). Rheticus ist mit dieser Uhr aufgewachsen.
So sieht eine Schwurhand aus: zwei erhobene Schwurfinger im Wappenschild, hier als Relief über dem
Nordwest-Portal der Wehranlage in Diex (Kärnten). Nicht die Feldkircher Schwurhand,
aber dieselbe Bildsprache — das Zeichen markierte Orte mit besonderem Rechtsstatus, etwa Asyl- oder Gerichtsfreiheit.
Foto: Johann Jaritz, Ausschnitt,
CC BY-SA 3.0 AT, via Wikimedia Commons — Bearbeitung unter derselben Lizenz.
Doktor Faust aus Feldkirch — die Sage: Die Feldkircher Sagensammlung erzählt: „Nebenan im Hause der alten Toggenburger hat Doktor Fustus genächtigt und Zauberwerk getrieben, wobei ihn der Böse holte." (Hensler 1949, S. 53 ff.; zitiert nach sagen.at) Die Sage selbst nennt also Doktor Fustus und erwägt als weitere Deutung den fahrenden Schüler Scheibenstock — Rheticus’ Vater Georg Iserin kommt darin nicht vor. Die Gleichsetzung „Fustus = Iserin" ist eine naheliegende Deutung, die wir hier erzählen, aber kein Bestandteil des überlieferten Sagentextes. Schauplatz ist das Toggenburgerhaus gleich nebenan: Dort soll der Teufel ihn durchs Estrichfenster geholt haben — und die Scheiben dieses Fensters sollen seither immer wieder zerspringen, so oft man sie auch erneuert.
Damit die Geschichte zündet — drei Dinge zum Erklären:
„Estrich" heißt hier Dachboden. Im alemannischen Sprachraum (Vorarlberg, Schweiz) ist der Estrich nicht der Fußbodenbelag, sondern der Dachraum. Das Estrichfenster ist also die Dachluke ganz oben — und der Teufel holt sich seine Beute traditionell durchs Dach, nicht durch die Haustür.
Wer ist „Doktor Faust"? Die Figur geht auf einen realen Wanderarzt, Astrologen und Schwarzkünstler des frühen 16. Jahrhunderts zurück, um den sich rasch Legenden rankten: der Gelehrte, dem menschliches Wissen nicht genügt, der einen Pakt mit dem Teufel schließt und am Ende von diesem geholt wird. 1587 erschien die erste gedruckte Faust-Historie, über Christopher Marlowe führt die Linie schließlich zu Goethes Faust. Der Stoff war also im 16. Jahrhundert brandaktuell — eine Erzählschablone, die europaweit auf gelehrte Außenseiter angewandt wurde.
Warum ausgerechnet Iserin? Er passte perfekt ins Muster: ein studierter Arzt aus der Fremde, der sich mit Astrologie und Wahrsagerei beschäftigte, der süchtig nach Büchern war (in der Anklage taucht auf, er habe alles getan, um an Bücher zu kommen) — und der als angeblicher Hexenmeister hingerichtet wurde. Aus einem Mann, der zu viel wusste und dafür starb, macht die Volkserzählung nach 1528 zwangsläufig einen Teufelsbündner.
Wichtig für die Führung: Das ist lokale Sagenbildung, keine Literaturgeschichte. Goethes Faust stammt nicht aus Feldkirch. Aber die Feldkircher haben ihren hingerichteten Stadtarzt in genau dieses Muster erzählt — und das erlaubt die schönste Volte der ganzen Führung.
Die Volte, mit der du zur nächsten Station überleitest: „Der Vater galt als Schwarzkünstler, der sich angeblich mit dem Teufel einließ, um an verbotenes Wissen zu kommen. Sein Sohn wurde derjenige, der das Wissen seiner Zeit auf die einzig legitime Weise umgekrempelt hat: durch Beobachtung, Messung und Rechnung. Innerhalb einer Generation wird aus dem vermeintlichen Teufelspakt exakte Naturwissenschaft."
Spannungsbogen aufbauen: Der Bläsi ist mechanische Zeitmessung, das Denkmal am Dom astronomische — „gleich sehen wir, warum die beiden nie ganz dasselbe anzeigen" (Zeitgleichung!).
4Rathaus — der Prozess gegen Rheticus' Vater (1528)
12:06 · 7 min · emotionale Kernstation · hier entsteht der Name „Rheticus"
Das Rathaus in der Schmiedgasse mit seiner bemalten Fassade.
Der rote Faden: Rheticus kam 1514 als Georg Joachim Iserin zur Welt — Sohn des Feldkircher Stadtarztes Dr. Georg Iserin. Was diesem Vater 1528 widerfuhr, kostete die Familie den Namen und ist der Grund, warum wir den Gelehrten heute „Rheticus" nennen.
23.04.1514: Georg Iserin — der Vater (aus Mazzo im Veltlin) wird Feldkircher Bürger und Stadtarzt — 24 Gulden im Jahr, steuerfrei, aber ohne Erlaubnis durfte er die Stadt nicht verlassen. Ehefrau Thomasina de Porris: lombardischer Adel, vermögend. Genauer Wortlaut der Quelle: „Der Stadtarzt erhielt aus dem Stadtbudget ein Dienstgeld von 24 Gulden jährlich und hatte keinerlei Steuern zu bezahlen. Er durfte die Stadt ohne Bewilligung des Stadtrates nicht verlassen." (Volaucnik 2013, S. 59)
03.01.1528: Der konkurrierende Apotheker Hans Zoller zeigt Iserin an — Hexerei, Teufelsbund. Die Akten sind seit dem 17. Jh. verschollen; aus den „Geständnissen" ist zu schließen: Er wurde gefoltert.
Das Malefizgericht (das Gericht für schwere Verbrechen — von lateinisch maleficium, Übeltat: Es urteilte über Leib und Leben und konnte die Todesstrafe verhängen.) unter Stadtammann Lazarus Metzler verurteilt ihn zum Tod — die Stadt besaß den „Blutbann", das Recht über Leben und Tod. Thomasina bietet Geld, vergeblich. (Belegt ist, dass das Stadtgericht im Rathaus tagte; dass dieser Prozess in diesem Gebäude verhandelt wurde, ist nicht eigens überliefert.)
06.02.1528 — zehn Tage vor dem 14. Geburtstag seines Sohnes Georg Joachim — wird Iserin öffentlich enthauptet. Danach damnatio memoriae: Die Familie verliert den Namen und muss den Mutternamen de Porris annehmen — „von den Lauchen". Ein Gemüsename.
Wofür er genau starb, diskutiert die Forschung bis heute: Die Neue Deutsche Biographie schreibt, der Vater sei „als Zauberer hingerichtet" worden (Kühne, 2003); der Historiker Manfred Tschaikner stellt dem 2011 die These „Dieb und Betrüger" gegenüber — in der Anklage taucht auf, Iserin habe alles getan, um an Bücher zu kommen.
Zu den 24 Gulden
Das war nur das Grundhonorar der Stadt dafür, dass überhaupt ein Arzt verfügbar war — die Einnahmen von den Patienten kamen dazu, ebenso die Steuerfreiheit. Versuche, solche Beträge in heutiges Geld umzurechnen, helfen wenig: Umrechnungen „über den Fleischpreis, über den Lohn eines Tagelöhners, über ein Beamtengehalt oder über den Preis eines Hauses führen zu völlig verschiedenen Ergebnissen" (Emmerig 2025, S. 1). Aussagekräftig sind nur Vergleiche mit Preisen und Löhnen aus derselben Zeit und Region.
Die Namensgeschichte — vier Namen für einen Mann
Georg Joachim Iserin(1514–1528)
Der Geburtsname, nach dem Vater Dr. Georg Iserin, Stadtarzt in Feldkirch.
Georg Joachim de Porris(ab 1528)
Nach der Hinrichtung des Vaters durfte dessen Name rechtlich nicht mehr geführt werden. Die Mutter, die aus lombardischem Adel stammende Thomasina de Porris, nahm ihren Mädchennamen wieder an — und der Sohn bekam ihn ebenfalls. Wörtlich heißt de porris auf Italienisch „von den Lauchen": Der Sohn des hingerichteten Arztes trug fortan einen Gemüsenamen. Das ist kein Spott: de Porris war der ehrbare Familienname der lombardischen Mutter (italienisch porro = Lauch), und Familiennamen nach Pflanzen sind im Italienischen so gewöhnlich wie deutsche Namen nach Berufen.
Georg Joachim von Lauchen(seine eigene Übersetzung)
Und jetzt die Pointe: Er hat den Namen nicht abgelegt — er hat ihn selbst ins Deutsche übersetzt. Weil er sich nicht als Italiener verstand, machte er aus de Porris kurzerhand von Lauchen. Unter dieser Form ist er bis heute in Bibliothekskatalogen verzeichnet, etwa als „Lauchen, Georg Joachim von".
Georg Joachim Rheticus(ab der Studienzeit)
Erst später legte er sich zusätzlich den humanistischen Gelehrtennamen Rheticus zu — nach Raetia, der römischen Provinz Rätien, zu der Vorarlberg gehört hatte. Es war also kein Ersatz, sondern ein Beiname: Die vollständige Form lautet Georg Joachim von Lauchen Rheticus. Wie groß war Rätien? Viel größer als Vorarlberg: Die römische Provinz reichte vom südöstlichen Schwarzwald über die Donau bis an den Inn und umfasste Graubünden, Vorarlberg, Südbayern und Oberschwaben; Hauptstadt war ab Trajan Augusta Vindelicum, das heutige Augsburg, nach der Teilung im 4. Jahrhundert n. Chr. dann Chur für Raetia prima und Augsburg für Raetia secunda. Im 16. Jahrhundert n. Chr. übertrugen Humanisten den Namen vor allem auf das Gebiet der Drei Bünde, also Graubünden. Rheticus nennt sich also nicht „der Vorarlberger", sondern „der Rätier" — nach der antiken Großregion, zu der seine Heimat gehörte. (Wikipedia, Raetia; Kanton Graubünden)
Der Gemüsename ist ihm also geblieben — er wurde nur eingedeutscht und vom Gelehrtennamen überstrahlt. Wer heute „Rheticus" sagt, benutzt streng genommen nicht den Familiennamen, sondern ein Herkunftsbekenntnis: der aus Rätien. (Belege: MacTutor, University of St Andrews; Deutsche Biographie/NDB Bd. 21.)
Die Namenskette ist der stärkste Moment der Führung: „Man nahm ihm den Vater und den Familiennamen. Er bekam den Mädchennamen seiner Mutter — auf Italienisch de Porris, ‚von den Lauchen'. Statt sich dafür zu schämen, hat er ihn übersetzt und behalten. Und daneben stellte er einen Namen, den er sich selbst aussuchte: Rheticus — der aus Rätien. Der berühmteste Sohn dieser Stadt hat sich nach seiner Heimat benannt, weil man ihm den Vaternamen genommen hatte." Ehrlich dazusagen: Wo genau hingerichtet wurde, weiß niemand — die Stadt hat die Erinnerung buchstäblich gelöscht (damnatio memoriae).
★Dom St. Nikolaus + Rheticus-Denkmal — „Der wahre Mittag"
12:15 · 12 min · HÖHEPUNKT · Domplatz
Der Dom St. Nikolaus mit dem Rheticus-Denkmal auf dem Domplatz.
Das Denkmal (2009): Bildhauer Hanno Metzler (Lingenau) schuf einen „Betstuhl" aus Südtiroler Porphyr — zugleich eine Sonnenuhr nach dem Prinzip der Mittagslinie. Kulturpreis der Stadt Feldkirch 2009.
Funktionsweise: Durch eine Öffnung in der Lehne fällt ein kreuzförmiger Lichtfleck auf eine schwarz markierte Nord-Süd-Linie im Boden. Liegt das Zentrum des Lichtkreuzes genau auf dieser Linie, steht die Sonne exakt im Süden — es ist wahrer Mittag in Feldkirch (Sonderegger, 2014).
Der Kalender im Stein: Auf der Mittagslinie sind Sommeranfang, Frühlings- und Herbstanfang sowie Winteranfang markiert — dazu alle Monatsanfänge, aber ohne Beschriftung. Je höher die Sonne steht, desto kürzer der Weg des Lichtflecks: Im Sommer liegt er nah am Denkmal, im Winter weit nördlich davon. Wer die Markierung kennt, liest hier das Datum ab.
Das historische Vorbild: Der Betstuhl ist die künstlerische Umarbeitung einer Sonnenuhr, die in den Tabulae Astronomicae In Gratiam Studiosae Iuventutis von 1541/42 n. Chr. abgebildet ist — einem kleinen Tabellenwerk für Studierende. Wichtig für die Genauigkeit: „Rheticus wird allerdings in keiner der verschiedenen Auflagen der Tabulae Astronomicae als Autor genannt. Die Tabellen und das Vorwort waren ja auch nicht sein Werk. Hingegen kümmerte er sich sehr wohl um den Druck des kleinen Buches. … Die Redaktion dieser Tabellen lag also in seinen Händen." (Sonderegger 2014, S. 156) Unter der Mittagslinie stehen lateinische Verse an die Studierenden; darin sieht Rheticus im „Zeiger" (Gnomon) einen Obelisken und verweist auf Kaiser Augustus, der auf dem Marsfeld in Rom einen ägyptischen Obelisken als Mittagslinie aufstellen ließ (Sonderegger 2014, S. 157–158). Die Sonnenuhr zeigt bewusst nur den wahren Mittag und das Kalenderdatum — solche Uhren heißen „Mittagslinien".
Präzision: 21.12.2014, Messung von Philipp Schöbi: Lichtkreuz trifft die Linie um 12:19:43 — berechneter wahrer Mittag 12:19:40. 3 Sekunden Abweichung.
Der Dom: nach den Stadtbränden spätgotisch neu erbaut (vollendet 1478), bedeutendste gotische Kirche Vorarlbergs; innen Wolf Hubers St.-Annen-Bild (1521). Rheticus' Zur Taufe von 1514 existiert keine Quelle — also nicht behaupten. Belegt ist das Beichtregister 1532 — „Jörg Jocham doctor Ysering Son", das einzige erhaltene Feldkircher Amtsdokument zu ihm.
Die große Erzählung: 1539 reist der 25-Jährige zu Kopernikus nach Frauenburg, wird dessen erster und einziger Schüler, publiziert 1540 die Narratio Prima (erste gedruckte Darstellung des heliozentrischen Systems) und bringt 1543 De revolutionibus zum Druck. „Ohne Rheticus kein Kopernikus!"
Der „Betstuhl": Durch die kreuzförmige Öffnung fällt im wahren Mittag ein Lichtkreuz auf die Mittagslinie.
Kalender ist Mathematik: Tropisches Jahr ≈ 365,2422 Tage. Julianisch 365,25 → 1 Tag Drift pro ~128 Jahre → 1582 fehlen 10 Tage (auf den 4. Oktober folgt der 15.!). Gregorianische Regel: 97 Schaltjahre auf 400 Jahre → 365,2425. Grundlage: astronomische Tafeln auf Basis von Kopernikus' Werk — dem Buch, das ohne den Feldkircher nie erschienen wäre. Kettenbruch-Bonus für Profis: 0,2422 ≈ 8/33 (33-Jahre-Zyklus des Omar Chayyām).
Die Legende vom Baumeister — verifiziert: Der Dom, vor dem wir stehen, wurde 1478 unter Meister Hans Sturn vollendet: eine zweischiffige Halle mit einem für die Zeit sehr weit gespannten Gewölbe, bis heute die bedeutendste gotische Kirche Vorarlbergs. Die Sage erzählt, was danach geschah: Als das Lehrgerüst entfernt werden sollte — jene Holzkonstruktion, die ein Gewölbe während des Baus trägt und die beim Ausrüsten weggenommen wird —, packte den Baumeister die Angst, sein Gewölbe könnte im selben Moment herabstürzen. Er habe darüber den Verstand verloren, sich in die Ill gestürzt und sei nie wieder gesehen worden.
Warum diese Legende genau hierher gehört: Das Ausrüsten eines Gewölbes ist der Moment, in dem sich Statik beweist — vorher trägt das Holz, danach muss die Steinkonstruktion sich selbst tragen. Mittelalterliche Baumeister rechneten nicht mit Formeln, sondern mit geometrischen Proportionsregeln, Erfahrung und Modellen. Die Pointe für ein Mathematikpublikum: Sturns Gewölbe steht seit 1478. Seine Konstruktion war richtig — er hat ihr nur nicht geglaubt. Schöner lässt sich der Unterschied zwischen „richtig gerechnet" und „dem eigenen Ergebnis vertrauen" kaum erzählen. (Quelle: Feldkircher Sagenüberlieferung, sagen.at „Meister Hanns Sturn"; Baujahr und Baumeister sind historisch belegt.)
Der wahre Mittag wandert übers Jahr um gut eine halbe Stunde: vom frühesten Termin am 31. Oktober (12:05 MEZ) bis zum spätesten am 13. Februar (12:36 MEZ). Alle Zeiten in MEZ — in der Sommerzeit ist eine Stunde zu addieren. Eigene Berechnung nach Zeitgleichung und Längenkorrektur; Kurvenverlauf nach Sonderegger (2014).
Zwei Gründe, warum die Sonnenuhr nie mit der Armbanduhr übereinstimmt
1. Der Ort. Unsere Uhren zeigen Mitteleuropäische Zeit, geeicht auf den 15. Längengrad (er läuft bei Görlitz durch). Feldkirch liegt bei 9° 35′ 53″ östlicher Länge, also gut 5 Grad weiter westlich — die Sonne kommt hier rund 21,6 Minuten später in den Süden. Zum Vergleich, aus dem Faltblatt zum Denkmal: In Innsbruck ist wahrer Mittag 7 Minuten 10 Sekunden früher als in Feldkirch, in Wien sogar 27 Minuten 27 Sekunden früher.
2. Die Zeitgleichung. Dazu kommt, dass die Erde auf einer Ellipse läuft und ihre Achse geneigt ist — die „Sonnentage" sind deshalb nicht gleich lang. Diese Abweichung schwankt übers Jahr um rund eine halbe Stunde und ergibt zusammen mit der Längenkorrektur die Kurve oben.
Für den 25. September 2026: Am 25. September 2026 fällt der wahre Mittag in Feldkirch auf 12:12 MEZ, also 13:12 Sommerzeit — gut eine halbe Stunde nach dem Ende unserer Führung. Wer das Lichtkreuz live sehen will, bleibt nach dem Mittagessen einfach am Domplatz sitzen.
„Denn was nützen alle guten und schönen Taten ohne die Wahrheit? Und wo soll man die Wahrheit finden, wenn das Streben nach den Wissenschaften und den Künsten fehlt, wenn man es verbannt, verdreht und zum Schlechten wendet? Denn von feigen und eitlen Schlafmützen wird die Wahrheit weder gefunden noch hochgehalten. Gefunden und gewonnen wird die Wahrheit allein durch Arbeit und Fleiß und die Hingabe aller geistigen und materiellen Kräfte."
— Georg Joachim Rheticus, zitiert auf dem Faltblatt zum Betstuhl (Sonderegger, o. D.)
Vorbereitung am Bildschirm: die 3D-Simulation des Domplatzes
Für diese Station gibt es eine interaktive Simulation: Sie zeigt das Denkmal auf dem Domplatz und rechnet den Sonnenstand für jeden beliebigen Zeitpunkt aus — man kann die Zeit vor- und zurückdrehen, auf den wahren Mittag springen, zwischen Sommer- und Wintersonnenwende wechseln und zusehen, wie das Lichtkreuz über die Mittagslinie wandert.
🌞 Simulation öffnen — Sonnenstand am Domplatz Praktisch zur Vorbereitung: Stellen Sie den 25. September 2026, 13:12 Uhr ein — dann sehen Sie genau die Lichtsituation, die an diesem Tag am Denkmal herrscht.
Der Gag zum Schluss: Am 25.09. ist wahrer Mittag in Feldkirch erst gegen ~13:13 MESZ — 33 Minuten nach Führungsende. „Wer das Lichtkreuz live sehen will: nach dem Mittagessen einfach hier sitzen bleiben. Sie sitzen dann auf einem Messinstrument."
Erwähnen: Feldkirch ehrt Rheticus gleich zweimal mit Sonnenuhren. Die ältere Kugelsonnenuhr steht gegenüber Veitskapfgasse 4, oberhalb der Kapfschlucht (rund 390 m westlich des Katzenturms, also abseits unserer Route; Hausnummer 4 liegt am unteren, südlichen Ende der Gasse, etwa 47.2387° N, 9.5916° O). Gestiftet hat sie Josefine Steck-Zerlauth im Andenken an ihren Mann, den Feldkircher Amateurastronomen Eugen Steck; eingeweiht am 18. Juni 1988 n. Chr. Auf der Tafel steht: „Wie die Stunde flieht das Leben. Zur Erinnerung an Georg Joachim Rheticus, Astronom und Mathematiker, geb. 16. Feb. 1514 in Feldkirch – gest. 4. Dez. 1574 zu Kaschau in Ungarn…" (Bauer 2014b, VOL.AT)Nicht verwechseln: Oben an der Veitskapfgasse steht außerdem ein Denkmal zur Schlacht von 1799 — das hat mit Rheticus nichts zu tun.
6Blick zur Schattenburg — „Der Vogt über der Stadt"
12:29 · 4 min · nur von unten (Aufstieg sprengt die Stunde)
Die Schattenburg über der Altstadt — der Bergfried ist rechteckig, mit steilem Pyramidendach.
Ab ~1230 Montfort-Sitz, ab 1390 habsburgische Vögte; um 1500 „waffenstarrend" modernisiert. Zur Rheticus-Zeit Vogt: Ulrich von Schellenberg (1515–1549, unterbrochen 1523–1531 durch Graf Hugo von Montfort-Bregenz) — Humanistenförderer, aber harter Gegner der Reformation.
1825 kaufte die Stadt die Burg für 833 Gulden.
Vorsicht mit dem naheliegenden Vergleich: Die Stadt kaufte die Burg 1825 n. Chr. um 833 Gulden — Rheticus' Vater erhielt sein Dienstgeld 1514 n. Chr. Zwischen beiden Zahlen liegen 311 Jahre und eine völlig andere Währungsordnung; „833 ÷ 24 ≈ 35 Jahresgehälter" wäre derselbe Fehler wie beim Fünftel der Studierenden. Sauber erzählt: Innerhalb von 1825 n. Chr. bleiben, etwa „eine ganze Burg für den Preis eines Bürgerhauses", oder die Zahlen getrennt stehen lassen und genau das zum Thema machen — die Zuhörenden merken sich den Fallstrick besser als jede Zahl.
Das Museum heute: Seit 1912 beherbergt die Burg das Schattenburgmuseum — rund 18 Ausstellungsräume mit sakraler und profaner Kunst, Möbeln, Musikinstrumenten, einer historischen Rauchküche und einer Waffensammlung im Bergfried, zu der das Museum eigene Themenführungen anbietet. Ebenfalls gezeigt: eine als Folterkammer präsentierte Kammer.
Zum Geschütz vor dem Eingang: Ob es dort noch steht, konnte ich nicht verlässlich klären — dazu findet sich online nichts Belastbares. Vor der Führung kurz selbst nachsehen; wenn es weg ist, ist genau das die bessere Geschichte.
Ein Gedankenanstoß beim Blick hinauf (30 Sekunden, kein Vortrag):
Um 1500 wurde die Schattenburg wehrtechnisch modernisiert, Rondelle für Kanonen kamen dazu; ein Inventar von 1549 zeigt sie regelrecht waffenstarrend. Kanonen waren damals technische Spitzenleistung — und Ballistik war eine der ersten Anwendungen der neuen Rechenkunst. Die Mathematik, die Rheticus in Tafeln goss, diente auch dem Vermessen und dem Zielen.
Was man daran hübsch aufmachen kann: Rüstungen und Geschütze werden nach ein paar Jahrhunderten zu Museumsstücken, die man mit einer gewissen Romantik betrachtet — den Panzer von heute würde niemand vor die Haustür stellen. Zeit verwandelt Kriegsgerät in Kunsthandwerk. Ähnlich die „Folterkammer": Sie zieht Besucher an, war aber schlicht ein Rechtsinstrument — und zur Erinnerung: Genau diese Justiz hat 1528 Rheticus' Vater „peinlich befragt" und dann hingerichtet.
Nicht moralisieren, nur einmal kurz umdrehen: Aus dem Kriegshandwerk dieser Burg ist Vermessungskunst geworden, aus dem Hexenprozess Wissenschaft. Wir stehen auf der freundlicheren Seite dieser Entwicklung — und das ist keine Selbstverständlichkeit.
7Neustadt / Lateinschule — „Das Handwerkszeug" + Finale
12:34 · 5 min + Verabschiedung 12:39
Die Neustadt, heute Fußgängerzone — im Bereich des ehemaligen Bludenzer Tors stand die Lateinschule.
Die Feldkircher Lateinschule (seit 1399 nachweisbar, „die beste im Bistum Chur") lag beim Bludenzer Tor im Pfannerhaus in der Neustadt (welches Haus heute: lokal klären). Ab 1518 Leitung: Magister Johannes Vetter — sehr wahrscheinlich Rheticus' Lehrer.
Nach 1528: Frauenmünsterschule Zürich (Mitschüler und lebenslanger Freund: Konrad Gesner); 1532 Begegnung mit Paracelsus; dann Wittenberg — mit 22 Professor für Astronomie.
Was Kopernikus wegen Rheticus veröffentlicht hat
Nikolaus Kopernikus hatte sein heliozentrisches Modell schon um 1510 fertig — und ließ es rund dreißig Jahre in der Schublade liegen. Er kannte den Spott, der ihn erwartete, und feilte lieber weiter. Ohne Anstoß von außen wäre das Werk vermutlich Manuskript geblieben.
1539 reist der 25-jährige Wittenberger Professor Rheticus ans andere Ende der bekannten Welt, nach Frauenburg an der Ostsee, und bleibt rund zwei Jahre beim damals 66-jährigen Domherrn. Er wird dessen einziger Schüler — und macht dann etwas Kluges: Statt zu drängen, schreibt er selbst eine Zusammenfassung der Lehre und lässt sie 1540 in Danzig drucken — die Narratio Prima, den „Ersten Bericht". Das ist die erste gedruckte Darstellung des heliozentrischen Weltbilds überhaupt — und zugleich ein Testballon: Der junge Mann riskiert seinen Ruf, nicht der alte Meister.
Die Resonanz ist gut, 1541 erscheint bereits die zweite Auflage. Erst jetzt gibt Kopernikus nach. Rheticus nimmt das Manuskript mit nach Nürnberg und organisiert den Druck bei Johannes Petreius. 1543 erscheint De revolutionibus orbium coelestium — „Über die Umschwünge der himmlischen Kreise", das Buch, das die Erde aus dem Mittelpunkt nimmt. Kopernikus stirbt im selben Jahr; der Überlieferung nach legte man ihm das erste gedruckte Exemplar noch aufs Sterbebett.
Deshalb der Satz „Ohne Rheticus kein Kopernikus": Der Feldkircher hat das Werk nicht geschrieben — aber er hat es aus der Schublade geholt, angekündigt, verteidigt und in die Druckerpresse gebracht. Ein Nachspiel gibt es auch: Rheticus musste die Drucküberwachung abgeben, und der Theologe Andreas Osiander schob dem Buch anonym ein Vorwort voran, das alles zur bloßen Rechenhypothese erklärte — eine Beschwichtigung, über die sich Rheticus maßlos geärgert hat.
Was ist das Opus Palatinum eigentlich? (Für Mathematiker:innen zum Mitnehmen)
Der Titel:Opus Palatinum de triangulis — „Pfälzisches Werk über die Dreiecke", Neustadt an der Haardt 1596, gedruckt bei Matthäus Harnisch. „Pfälzisch" heißt es nach dem Geldgeber: Der Kurfürst von der Pfalz finanzierte den Druck. Auf dem Titel stehen beide Namen: von Georg Joachim Rheticus begonnen, von Valentin Otho vollendet.
Was drinsteht: Das Werk besteht aus sechs Teilen und liefert Tafeln für alle sechs Winkelfunktionen — Sinus, Cosinus, Tangens, Cotangens, Sekans, Cosekans. Schrittweite: 10 Bogensekunden. Genauigkeit: 10 Dezimalstellen. Die großen Tafeln sind zweifarbig in Rot und Schwarz gedruckt — Rot als Orientierungshilfe, damit man in der Zahlenwüste die Zeile nicht verliert.
Die eigentliche Innovation: Vor Rheticus war Trigonometrie Sehnenrechnung am Kreis — man tabellierte, wie lang die Sehne zu einem Bogen ist. Rheticus definierte die Funktionen konsequent als Seitenverhältnisse im rechtwinkligen Dreieck, also genau so, wie wir sie heute in der Schule einführen. Damit wird Trigonometrie vom astronomischen Spezialwerkzeug zu einem allgemeinen Rechenverfahren für jedes Dreieck — für Landvermessung, Navigation, Ballistik, Kartografie.
Ein Detail, das Fachleute freut: Dezimalbrüche waren noch nicht Standard. Statt „0,5000000000" zu schreiben, rechnete man mit einem riesigen Radius (dem sinus totus, etwa 10¹⁰) — dann sind alle Tafelwerte ganze Zahlen. Aus sin 30° = 0,5 wird der Eintrag 5000000000. Man umging die fehlende Dezimalschreibweise, indem man die Einheit groß genug machte.
Der Aufwand: Rund 1.500 Seiten, etwa 100.000 Werte — jeder einzelne von Hand berechnet, über Jahrzehnte, mit bezahlten Rechenknechten und kaiserlicher bzw. kurfürstlicher Finanzierung. Ein „Human-Computing"-Großprojekt, drei Jahrhunderte vor der ersten Rechenmaschine. Die Tafeln blieben bis ins 20. Jahrhundert im Gebrauch. (Nicht verschweigen: Die Tangens- und Sekans-Werte enthielten Fehler in den letzten Stellen; Bartholomäus Pitiscus rechnete sie später nach und veröffentlichte 1613 korrigierte Tafeln.)
Zum Zeigen — das Digitalisat: Die ETH-Bibliothek Zürich hat ein Exemplar vollständig digitalisiert und frei zugänglich gemacht: doi.org/10.3931/e-rara-9112 (e-rara.ch). Ein weiteres Exemplar liegt im Internet Archive. Führungstipp: Eine Tafelseite vorher als Bild aufs Handy laden oder ausdrucken und hier herumreichen — der Anblick von zehnstelligen Zahlenkolonnen in Rot und Schwarz wirkt bei Mathematiklehrpersonen zuverlässig.
Wie muss man sich so eine Sinustafel vorstellen?
Wie ein Telefonbuch für Winkel: Links steht der Winkel, rechts der zugehörige Wert — man schlägt nach, statt zu rechnen. Rheticus’ Tafeln gehen in Schritten von 10 Bogensekunden. Das sind 360 Zeilen pro Grad und damit rund 32.400 Zeilen allein für den Bereich von 0° bis 90°.
Der Trick mit den ganzen Zahlen: Dezimalkommas waren um 1550 noch nicht üblich. Also legte man einen riesigen Radius fest — den sinus totus, bei Rheticus 1010 — und notierte alle Werte als ganze Zahlen. Ein Tafelausschnitt sieht dann sinngemäß so aus:
Winkel
Sinus (heutige Schreibweise)
Tafeleintrag (Radius 1010)
29° 59′ 50″
0,4999580133
4999580133
30° 00′ 00″
0,5000000000
5000000000
30° 00′ 10″
0,5000419855
5000419855
30° 00′ 20″
0,5000839698
5000839698
45° 00′ 00″
0,7071067812
7071067812
60° 00′ 00″
0,8660254038
8660254038
Die Zeile für 30° ist die schönste: sin 30° = 0,5 exakt — im Tafelwerk eine glatte 5 mit neun Nullen. Alle anderen Werte mussten über Halbierungs- und Additionsformeln mühsam erarbeitet werden.
Wozu das gut war — zum Mitrechnen: Sie stehen 50 Meter vor einem Turm und messen den Winkel zur Spitze: 32°. In der Tafel steht tan 32° = 0,62487. Also 50 m · 0,62487 ≈ 31,2 m Turmhöhe (plus Augenhöhe) — ohne hinaufzusteigen, ohne Maßband.
Turmhöhe ohne Kletterei: einen Winkel messen, in der Tafel nachschlagen, multiplizieren.
Der konzeptionelle Sprung, der Rheticus zugeschrieben wird: Vor ihm tabellierte man Sehnen im Kreis. Er definierte die Funktionen als Seitenverhältnisse im rechtwinkligen Dreieck — genau wie heute im Unterricht:
Von der Sehnenrechnung zum Seitenverhältnis — die Definition, die bis heute im Schulbuch steht.
Wofür man das einsetzte — Triangulation: Eine einzige Strecke wird sorgfältig abgemessen (die Basislinie). Alles Weitere wird nur noch anvisiert: Von beiden Enden misst man den Winkel zum Zielpunkt, die Tafel liefert die Entfernungen. So vermisst man Täler, Flüsse und ganze Länder, ohne sie abzuschreiten — die Grundidee jeder Landkarte bis hin zu GPS.
Triangulation: eine gemessene Strecke, zwei anvisierte Winkel — der Rest kommt aus der Tafel.
Das Gänsehaut-Finale — die Otho-Geschichte: 1574 sucht der junge Valentin Otho den todkranken Rheticus in Kaschau auf. Rheticus: „Du kommst zu mir im selben Alter, in dem ich selbst Kopernikus besuchte. Hätte ich ihn nicht besucht, wäre keines seiner Werke je ans Licht gekommen." (Wortlaut nach O’Connor & Robertson, 1998) Wenige Monate später stirbt er. Otho rechnet 22 Jahre weiter und vollendet 1596 das Opus Palatinum: ~1.500 Seiten, ~100.000 handgerechnete Werte auf 10 Dezimalstellen — benutzt bis ins frühe 20. Jahrhundert. Wissenschaft ist ein Staffellauf. Was hier in dieser Schule mit Lateinvokabeln und den „ersten Kenntnissen der Zahlen" begann, wurde zur Recheninfrastruktur dreier Jahrhunderte.
Spickzettel: Rheticus in Jahreszahlen
16.02.1514
Geburt in Feldkirch als Georg Joachim Iserin
06.02.1528
Hinrichtung des Vaters · damnatio memoriae · Familie wird „de Porris" („von Lauchen")
ab 1528
Namenswechsel: de Porris (Mädchenname der Mutter, ital. „von den Lauchen"), von ihm selbst eingedeutscht zu von Lauchen
1528–32
Zürich (Freund: Konrad Gesner) · legt sich zusätzlich den Gelehrtennamen Rheticus zu (= aus Rätien) — volle Form: Georg Joachim von Lauchen Rheticus
1532
Beichtregister Feldkirch („Jörg Jocham doctor Ysering Son") · Begegnung mit Paracelsus · nach Wittenberg
1536
Mit 22 Professor für Astronomie in Wittenberg (via Melanchthon; vermittelt durch Stadtarzt Achilles Gasser)
1539–41
Bei Kopernikus in Frauenburg — erster und einziger Schüler
1540
Narratio Prima — erste gedruckte Darstellung des heliozentrischen Systems
1543
De revolutionibus erscheint — von Rheticus zum Druck gebracht. Osiander schob anonym ein Vorwort ein, alles sei bloße Hypothese; Rheticus und Bischof Giese protestierten, Rheticus strich es in seinem Exemplar mit einem großen roten Kreuz durch (Gingerich, 2004; Rabin, 2023)
1551
Canon Doctrinae Triangulorum: erstmals Tafeln aller sechs Winkelfunktionen, definiert am rechtwinkligen Dreieck — der Schritt zur modernen Trigonometrie
1554–74
Krakau: Arzt & Privatgelehrter · Obelisk als Messinstrument · Kaiser Maximilian II. finanziert das Tafelprojekt
04.12.1574
Tod in Kaschau (Košice) — kurz nach Othos Ankunft
1596
Otho vollendet das Opus Palatinum (~1.500 Seiten, 10 Dezimalstellen)
Luther über Kopernikus: „Der Narr will mir die ganze Kunst der Astronomia umkehren" — und über den jungen Rheticus: einer, „der die ganze Astrologie auf den Kopf stellen will."
Wie man das erzählt: Aus Luthers Mund war das ein Vorwurf — aus heutiger Sicht ist es eine Auszeichnung. Wenn der mächtigste Theologe Wittenbergs sich über deine Arbeit ärgert, heißt das: Sie ist angekommen, man nimmt sie ernst genug, um sie für gefährlich zu halten. Für Rheticus hatte der Spott allerdings reale Folgen: Als sich auch sein Förderer Melanchthon zurückzog, verließ er Wittenberg und ging nach Leipzig.
Kopernikus in Kürze — Werk und Bedeutung
Das Werk. Nikolaus Kopernikus (1473–1543 n. Chr.), Domherr im ermländischen Frauenburg, stellte in
De revolutionibus orbium coelestium („Über die Umläufe der Himmelskörper") die Sonne ins Zentrum: Die Erde ist
ein Planet unter Planeten, sie dreht sich täglich um die eigene Achse und jährlich um die Sonne. Damit löste sich ein
Rätsel, an dem die Astronomie seit Ptolemäus laborierte — die scheinbaren Schleifen der Planeten am Himmel. Sie sind
kein Eiertanz der Planeten, sondern eine Folge davon, dass wir von einer bewegten Erde aus zuschauen. Gedruckt wurde das
Buch 1543 n. Chr. in Nürnberg bei Johannes Petreius, im Todesjahr des Verfassers. Handschriftlich kursierten die Grundzüge
schon Jahrzehnte früher im Commentariolus.
Was es noch nicht war. Kopernikus blieb bei Kreisbahnen und gleichförmigen Bewegungen; um die
Beobachtungen zu treffen, brauchte auch er Hilfskreise. Genauer als die alten Tafeln war sein System zunächst kaum.
Erst Kepler ersetzte 1609 n. Chr. die Kreise durch Ellipsen, und erst damit wurde die Rechnung wirklich besser.
Die Bedeutung — und Rheticus' Anteil. Ohne den jungen Feldkircher wäre das Buch vermutlich nie
erschienen: Rheticus reiste 1539 n. Chr. nach Frauenburg, veröffentlichte 1540 n. Chr. mit der Narratio prima
den ersten gedruckten Bericht über das neue Weltbild, überzeugte den zögernden Kopernikus und brachte das Manuskript zum
Drucker. Die Schlussredaktion übernahm dann Andreas Osiander, der dem Werk ein anonymes Vorwort voranstellte, das die
Erdbewegung zur bloßen Rechenhypothese erklärte — gegen die Absicht des Autors. Die katholische Kirche setzte das Buch
1616 n. Chr. „bis zur Verbesserung" auf den Index; gestrichen wurde es erst 1835 n. Chr. Dass es dennoch gelesen wurde,
hat Owen Gingerich gezeigt: Er sichtete weltweit die erhaltenen Exemplare und fand sie voller Randnotizen der Fachleute
des 16. Jahrhunderts (Gingerich 2002; 2004).
Für die Führung genügt ein Satz: Am Denkmal steht kein Astronom, sondern der Mann, der dafür gesorgt hat,
dass die Idee eines anderen gedruckt wurde — und damit die Welt verändert hat.
Mathe-Häppchen zum Einstreuen
„Ohne Rheticus kein Kopernikus" — das wichtigste Buch der frühen Neuzeit brauchte keinen Genie-Moment, sondern einen 25-Jährigen mit Reiselust und Verlags-Know-how.
Sinustafeln = Supercomputer des 16. Jahrhunderts: Vor Logarithmen waren Tafeln DIE Recheninfrastruktur (Astronomie, Navigation, Vermessung). Opus Palatinum: „Human Computing" mit kaiserlicher Finanzierung — 300 Jahre vor Hollerith.
Triangulation: Rheticus' Lebensthema war die „Wissenschaft der Dreiecke" — Winkel messen statt Strecken laufen; die Grundidee jeder Landkarte bis GPS.
Zeitgleichung: Sonnenzeit ≠ Uhrzeit, bis ±16 min übers Jahr (Ellipsenbahn + Achsneigung) — am Denkmal live erklärbar.
Mittagslinie als Datumslinie: Die Schattenlänge im wahren Mittag codiert das Datum — eine Sonnenuhr ist auch ein Kalender. Genau der Clou der Metzler-Bank.
Literaturverzeichnis
Zitierweise nach APA 7. Abrufdatum aller Online-Quellen: 29. Juli 2026. Die Angaben wurden an den Primärdokumenten geprüft.
Bauer, M. (2011, 14. Februar). Asylhaus wird Bürohaus. VOL.AT.
Bauer, M. (2014a, 25. April). Das Toggenburger’sche Haus in der Marktgasse. VOL.AT.
Bauer, M. (2014b, 16. Februar). Rheticusdenkmal an der Veitskapfgasse. VOL.AT.
Bitschnau, M. (2009). Der Bergfried der Schattenburg in Feldkirch. In M. A. Getzner (Hrsg.), Burg und Dom zu Feldkirch (Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft, Bd. 50, S. 13–36). Rheticus-Gesellschaft.
Bundesdenkmalamt (Hrsg.). (1983). Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs: Vorarlberg. Anton Schroll.
Burmeister, K. H. (1967–1968). Georg Joachim Rhetikus 1514–1574. Eine Bio-Bibliographie (3 Bde.). Guido Pressler.
Burmeister, K. H. (2015). Magister Rheticus und seine Schulgesellen (Forschungen zur Geschichte Vorarlbergs, N. F. Bd. 11). UVK.
Danielson, D. (2006). The first Copernican: Georg Joachim Rheticus and the rise of the Copernican revolution. Walker & Company.
Emmerig, H. (2025). Preise und Löhne in Österreich. Rechnungen und Rechnungsbücher vom 12. bis 21. Jahrhundert (Fassung Oktober 2025). Institut für Numismatik und Geldgeschichte, Universität Wien.
Getzner, M. A. (Hrsg.). (2009). Burg und Dom zu Feldkirch (Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft, Bd. 50). Rheticus-Gesellschaft.
Gingerich, O. (2002). An annotated census of Copernicus’ De revolutionibus (Studia Copernicana, Bd. 2). Brill.
Gingerich, O. (2004). The book nobody read: Chasing the revolutions of Nicolaus Copernicus. Walker & Company.
Gruber, H. (2017). Die Stadtmauer. Bedeutung damals und heute. Feldkirch aktuell, 2017(4), 56–57.
Köck, H. (2009, 22. Dezember). Betstuhl als „Mittagslinie" Sieger des Kulturpreises 2009. VOL.AT.
Köck, H. (2015, 16. Januar). „Wahrer Mittag" in Feldkirch exakt gemessen. VOL.AT.
Hensler, A. (1949). Was die Sage von Feldkirch erzählt. In Feldkirch. Die Österreichische Stadt am Alpenrhein (S. 53 ff.). Feldkirch. [Abgerufen über sagen.at]
Hensler-Watzenegge, H. (1936). Rund um Vorarlberger Gotteshäuser. Heimatbilder aus Geschichte, Legende, Kunst und Brauchtum (S. 6). Bregenz. [Sage vom Bläsi; abgerufen über sagen.at]
Johanniterkirche (Feldkirch). (2026). In Wikipedia. Abgerufen am 24. September 2026.
Volaucnik, C. (2013). Feldkirch zur Zeit des Rheticus. Feldkirch aktuell, 2013(4), S. 58–61. Stadtarchiv Feldkirch.
Kühne, A. (2003). Rheticus (eigentlich Iserin, auch de Porris, von Lauchen), Georg Joachim. In Neue Deutsche Biographie (Bd. 21, S. 496–497). Duncker & Humblot.
Metzler, H. (o. D.). Kulturpreis der Stadt Feldkirch [Projektseite zum Rheticus-Betstuhl]. Abgerufen am 29. Juli 2026.
Niederstätter, A. (2016). Vorarlberg im Mittelalter (Geschichte Vorarlbergs, Bd. 1). Universitätsverlag Wagner.
Niederstätter, A., Rhomberg, A., & Albrecht, K. (2018). Chronik Feldkirch (Geschichte der Stadt Feldkirch, Bd. 1). Bucher.
O’Connor, J. J., & Robertson, E. F. (1998, Juni). Georg Joachim Rheticus (1514–1574). MacTutor History of Mathematics Archive, University of St Andrews.
Rabin, S. (2023). Nicolaus Copernicus. In E. N. Zalta & U. Nodelman (Hrsg.), The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Ausgabe Herbst 2023). Stanford University.
Rheticus-Gesellschaft. (2015, Januar). „Wahrer Mittag" in Feldkirch exakt gemessen. Abgerufen am 29. Juli 2026.
Schöbi-Fink, P. (2009). Rheticus – der erste Kopernikaner. Feldkirch aktuell, 2009(6), 58–61.
Sonderegger, H. (2014). Ein Denkmal für Rheticus. In G. Wanner & P. Schöbi-Fink (Hrsg.), Rheticus – Wegbereiter der Neuzeit (Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft, Bd. 51, 2., erw. Aufl., S. 145–164). Bucher.
Sonderegger, H. (o. D.). Der Betstuhl – ein Rheticus-Denkmal von Hanno Metzler [Faltblatt mit Zeitgleichungskurve und Tabelle des wahren Mittags für Feldkirch]. Rheticus-Gesellschaft.
Stadtmarketing und Tourismus Feldkirch GmbH. (o. D.). Wusstest du, dass …. Feldkirch Leben. Abgerufen am 29. Juli 2026.
Tschaikner, M. (2011). Der weiterhin verzauberte Doktor Iserin. Montfort. Zeitschrift für Geschichte Vorarlbergs, 63(1), 71–76. https://doi.org/10.5281/zenodo.5101565
Wanner, G., & Schöbi-Fink, P. (Hrsg.). (2014). Rheticus – Wegbereiter der Neuzeit (Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft, Bd. 51, 2., erw. Aufl.). Rheticus-Gesellschaft.
Dompfarrkirche Feldkirch. (2026, 20. Juni). In Wikipedia.
Feldkirch. (2026, 9. Juli). In Wikipedia.
Georg Joachim Rheticus. (2026, 9. Februar). In Wikipedia.
Johanniterkirche (Feldkirch). (2025, 6. Dezember). In Wikipedia.
Katzenturm (Feldkirch). (2026, 8. April). In Wikipedia.
Schattenburg. (2026, 20. Mai). In Wikipedia.
Standardwerk zur Vertiefung: Burmeister (1967–1968) bleibt die maßgebliche Bio-Bibliographie; Burmeister (2015) ergänzt sie um das Umfeld der Wittenberger Schule.
Gesamtstrecke rund 1,2 km, durchgehend flach und barrierearm. Die Koordinate des Denkmals stammt aus dem Faltblatt der Rheticus-Gesellschaft (47° 14′ 16,5″ N, 9° 35′ 53″ O); in OpenStreetMap ist das Objekt nicht erfasst.
A4 hoch · Farbfassung mit Bildern und Farbleitsystem, Sparfassung in Graustufen