Ganztägige Schulform in der
7. und 8. Schulstufe

Fremdsprachenunterricht als Schwerpunkt —
Modelle, Evidenz und Perspektiven für Österreich

Marie Luise Bonner
Symposium Bildungsdirektion · 8. April 2026

Schuljahr 2024/25

242.689 Schüler*innen in ganztägiger Schulform

Betreuungsquote: 32,41 % — ein historischer Höchststand

  • Davon nur ~8 % in verschränkter Form
  • 750 Mio. Euro aus dem Bildungsinvestitionsgesetz 2017
  • Starke regionale Unterschiede — Wien führt, ländliche Regionen fallen zurück

Überblick

Kapitel

  1. Einleitung
  2. Theoretische Grundlagen
  3. Modelle ganztägiger Schulformen
  4. Fremdsprachenunterricht in der Ganztagsschule
  5. Lernzeit und Rhythmisierung

Fortsetzung

  1. Ganztägige Schulformen in Österreich
  2. Internationale Perspektiven
  3. Empirische Befunde
  4. Herausforderungen
  5. Ausblick und Handlungsempfehlungen

Kapitel 1 — Einleitung

Warum ganztägige
Schulformen?

Ausgangslage und Forschungsfragen

Gesellschaftlicher Wandel

Steigende Erwerbstätigkeit beider Elternteile, veränderte Familienstrukturen und wachsende Bildungsansprüche machen ganztägige Schulformen zur bildungspolitischen Notwendigkeit.

Forschungsfragen

  • Welche Modelle ganztägiger Schulformen eignen sich für die 7. und 8. Schulstufe?
  • Wie kann Fremdsprachenunterricht im Ganztag wirksam gestaltet werden?
  • Welche Evidenz liegt für CLIL und immersive Ansätze vor?

Kapitel 2 — Theoretische Grundlagen

Bildungstheoretische
Fundierung

Theoretische Grundlagen

Spracherwerbstheorie

Krashens Input-Hypothese, Vygotskys Zone der proximalen Entwicklung und die Interaktionshypothese bilden das Fundament für erweiterten Fremdsprachenunterricht.

Ganztagsbildung

  • Erweiterter Bildungsbegriff — formales, non-formales und informelles Lernen verbinden
  • Rhythmisierung — Wechsel von An- und Entspannung über den ganzen Tag
  • Kompetenzorientierung — mehr Zeit für vertiefte Auseinandersetzung

Kapitel 3 — Modelle

Modelle ganztägiger
Schulformen

Getrennte vs. verschränkte Form

Getrennte Form

Unterricht am Vormittag, Betreuung am Nachmittag. Organisatorisch einfacher, pädagogisch eingeschränkt. Die mit Abstand häufigste Form in Österreich (~92 %).

Verschränkte Form

Unterricht, Lernzeiten und Freizeit wechseln sich über den ganzen Tag ab. Pädagogisch wirksamer, aber organisatorisch anspruchsvoller.

  • Nur ~8 % aller ganztägig geführten Schulen arbeiten verschränkt
  • Verschränkung erfordert Zustimmung von zwei Dritteln der Erziehungsberechtigten
  • Internationale Evidenz favorisiert verschränkte Modelle deutlich

Organisationsmodelle im Detail

Klassen- vs. Gruppenform

  • Klassenform — alle Schüler*innen einer Klasse nehmen am Ganztag teil
  • Gruppenform — klassenübergreifende Nachmittagsgruppen, flexibler Zugang

Campusmodelle

Schulcluster mit gemeinsamer Infrastruktur — Bibliothek, Sporthalle, Medienräume. Ermöglicht standortübergreifende Schwerpunkte wie Fremdsprachen.

Die Wahl des Modells bestimmt maßgeblich, welche pädagogischen Ansätze im Fremdsprachenunterricht überhaupt umsetzbar sind.

Kapitel 4 — Fremdsprachen

Fremdsprachenunterricht
in der Ganztagsschule

CLIL — Content and Language Integrated Learning

Prinzip

Sachfachunterricht in der Fremdsprache — Biologie auf Englisch, Geschichte auf Französisch. Sprache wird zum Medium, nicht nur zum Lerngegenstand.

Evidenz

  • Kurzfristige Effektstärke: d = 0,73
  • Langfristige Effektstärke: d = 1,01 — ein außergewöhnlich starker Effekt
  • 300 CLIL-Stunden als empirisch belegter Schwellenwert für nachhaltige Wirkung

Der Ganztag bietet den zeitlichen Rahmen, um diesen Schwellenwert realistisch zu erreichen.

Immersive Ansätze und Sprachateliers

Sprachateliers am Nachmittag

Theater, Debattierclubs, kreatives Schreiben, Podcasts — alles in der Zielsprache. Die erweiterte Lernzeit des Ganztags macht solche Formate erst möglich.

Digitale Tandems

  • Videokonferenzen mit Partnerschulen im Zielsprachland
  • Authentische Kommunikation statt simulierter Dialoge
  • Nachmittagszeitfenster ideal für Zeitzonen-Matching mit Frankreich, Spanien, UK

Kapitel 5 — Rhythmisierung

Lernzeit und
Rhythmisierung

Den ganzen Tag pädagogisch gestalten

Rhythmisierungsprinzipien

  • 90-Minuten-Blöcke statt 50-Minuten-Einheiten — vertiefte Spracharbeit
  • Lernzeiten statt Hausübungen — begleitetes Üben mit Sprachassistenz
  • Bewegung und Sprache — TPR (Total Physical Response), Sprachspiele im Freien

Tagesstruktur-Beispiel

Vormittag: Kernunterricht mit CLIL-Modulen · Mittag: gemeinsames Essen (Tischgespräche in der Zielsprache) · Nachmittag: Sprachateliers, Lernzeit, Freizeit

Kapitel 6 — Österreich

Ganztägige Schulformen
in Österreich

Österreichische Bestandsaufnahme

Zahlen 2024/25

  • 242.689 Schüler*innen in ganztägiger Betreuung
  • Betreuungsquote: 32,41 %
  • Wien: über 50 % · Vorarlberg, Tirol: deutlich unter 20 %

Rechtliche Grundlage

  • Bildungsinvestitionsgesetz 2017: 750 Mio. Euro für Ausbau
  • SchOG § 8d–8h: Regelungen für ganztägige Schulformen
  • 15a-Vereinbarungen zwischen Bund und Ländern

Fremdsprachen im österreichischen Ganztag

Status quo

Fremdsprachenunterricht findet fast ausschließlich im Vormittagsunterricht statt. Der Nachmittag wird selten für sprachliche Vertiefung genutzt — eine verpasste Chance.

Potenziale

  • Sprachassistent*innen als Native Speakers am Nachmittag
  • CLIL-Module in verschränkten Ganztagsschulen
  • Kooperationen mit Sprachschulen und Kulturinstituten
  • Erasmus+ und eTwinning für internationale Vernetzung

Kapitel 7 — International

Internationale
Perspektiven

Was andere Länder vormachen

Frankreich

Ganztagsschule als Regelform. Fremdsprachen ab der Grundschule, CLIL-Zweige (sections européennes) ab der 6. Klasse weit verbreitet.

Finnland

Flexible Nachmittagsprogramme mit starkem Sprachfokus. Mehrsprachigkeit als gesellschaftliches Bildungsziel verankert.

Südtirol

  • Dreisprachiges Modell (Deutsch, Italienisch, Englisch) als Vorbild
  • CLIL als fester Bestandteil des Curriculums
  • Kulturelle Nähe und Übertragbarkeit auf österreichische Verhältnisse

Kapitel 8 — Empirie

Empirische
Befunde

Was die Forschung zeigt

Nachmittagsprogramme

Meta-Analyse zeigt einen Gesamteffekt von d = 0,327 für strukturierte Nachmittagsprogramme auf schulische Leistungen — ein moderater, aber konsistenter Effekt.

CLIL-Wirksamkeit

  • Kurzfristiger Effekt: d = 0,73
  • Langfristiger Effekt: d = 1,01 — Sprachkompetenz wächst mit der Dauer
  • Sachfachleistungen werden nicht beeinträchtigt
  • Positive Effekte auf Motivation und interkulturelle Kompetenz

Differenzierte Befunde

Verschränkt vs. getrennt

Verschränkte Ganztagsschulen zeigen stärkere Effekte bei sozial benachteiligten Schüler*innen — ein zentrales Argument für Bildungsgerechtigkeit.

Schwellenwerte

  • 300 CLIL-Stunden — ab hier nachhaltige Sprachkompetenzgewinne
  • 3 Nachmittage/Woche — Minimum für messbare Effekte in der Ganztagsforschung
  • Qualität der Nachmittagsangebote entscheidender als bloße Stundenanzahl

Kapitel 9 — Herausforderungen

Herausforderungen

Wo es hakt

Strukturelle Barrieren

  • Mangel an qualifizierten Fremdsprachenlehrkräften für den Nachmittag
  • Fehlende Infrastruktur — Mensen, Ruheräume, Sprachlabore
  • Zwei-Drittel-Erfordernis für verschränkte Form als politische Hürde

Pädagogische Herausforderungen

  • Überforderung von Schüler*innen durch „Mehr desselben"
  • Nachmittag als Verwahrung statt als Bildungszeit
  • Kooperation zwischen Vormittags- und Nachmittagspersonal oft mangelhaft

Kapitel 10 — Ausblick

Ausblick und
Handlungsempfehlungen

5 Empfehlungen für die Praxis

  1. Verschränkung fördern — Anreize für Schulen schaffen, die pädagogisch wirksame Form zu wählen
  2. CLIL-Module verankern — ab der 7. Schulstufe, mindestens 300 Stunden über zwei Jahre
  3. Sprachassistent*innen einsetzen — Native Speakers für authentische Kommunikation am Nachmittag
  4. Rhythmisierung ernst nehmen — Sprachlernen in den Tagesablauf integrieren, nicht anhängen
  5. Regionale Disparitäten abbauen — gezielte Förderung in ländlichen Gebieten

Fazit

Die ganztägige Schulform bietet einzigartige Möglichkeiten für den Fremdsprachenunterricht —

aber nur, wenn der Nachmittag pädagogisch gestaltet wird und nicht bloß Betreuung bleibt.

Verschränkte Modelle mit CLIL-Schwerpunkt können die Sprachkompetenz auf der 7. und 8. Schulstufe nachhaltig stärken. Die Evidenz ist da — jetzt braucht es den politischen Willen zur Umsetzung.

Ausgewählte Quellen

Vollständig unter quellen.html

  • Bildungsinvestitionsgesetz 2017 (BGBl. I Nr. 8/2017)
  • Statistik Austria (2025). Schulstatistik 2024/25
  • Dalton-Puffer (2011). Content-and-Language Integrated Learning. Applied Linguistics.
  • Durlak et al. (2010). Meta-Analysis of After-School Programs. AJCP.
  • StEG-Konsortium (2019). Ganztagsschule 2017/18. BMBF Deutschland.
  • BIFIE/IQS (2024). Nationaler Bildungsbericht Österreich.

Danke.

Fragen & Diskussion

Artikel & Quellenverzeichnis: standalone.html · quellen.html

Marie Luise Bonner · Symposium Bildungsdirektion · 8. April 2026

Design-Variante — Text immer fix oben links
Schriftstil
Hintergrundfarbe — aktuelle Folie