1. Einleitung
Warum Größen?
„Wie schwer ist ein Würfel?“ Die Frage gehört zu einer Aufgabe mit einer Waage, die richtige Antwort lautet ein halbes Kilogramm. Nur 31 % der österreichischen Drittklässler\*innen lösten sie in den Musteraufgaben der iKMPLUS (Knittel et al., 2021b). Eine Uhrzeit fünfzehn Minuten vor 15:05 fanden 44 %. Das sind keine exotischen Aufgaben. Sie betreffen Größen, mit denen Kinder täglich umgehen: Gewicht, Zeit, Geld.
Der Befund passt in ein längerfristiges Bild. Bei den Überprüfungen der Bildungsstandards am Ende der vierten Schulstufe wuchs der Inhaltsbereich „Arbeiten mit Größen“ zwischen 2013 und 2018 weniger als alle anderen Bereiche und blieb deutlich hinter Zahlen und Operationen zurück (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation & Entwicklung des österreichischen Schulwesens [BIFIE], 2019). Größen sind, gemessen an ihrer Alltagsbedeutung, ein erstaunlich schwieriges Feld der Volksschulmathematik. Gleichzeitig gelten sie als besonders anschaulich und lebensnah. Wie passt das zusammen?
Eine mögliche Antwort liegt in der Art, wie Größen häufig unterrichtet werden. Einheiten werden eingeführt, Umwandlungen geübt, Sachaufgaben gerechnet — das Verstehen dessen, was beim Messen geschieht und wie groß ein Meter, ein Kilogramm oder eine Stunde eigentlich ist, bleibt dabei leicht auf der Strecke. Die internationale Forschung zeigt seit Jahrzehnten, dass Messverständnis sich langsamer entwickelt, als Lehrpläne und Schulbücher voraussetzen (Kamii & Clark, 1997; Clements & Sarama, 2021). Die deutschsprachige Didaktik hat mit dem Konzept der Stützpunktvorstellungen einen Schlüssel zum Aufbau tragfähiger Größenvorstellungen entwickelt (Ruwisch, 2021).
Eine Zäsur: der Lehrplan 2023
Für Österreich markiert das Schuljahr 2026/27 einen Einschnitt. Der Lehrplan der Volksschule, der 2023 aufsteigend in Kraft trat, gilt nun erstmals in allen vier Schulstufen (Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung [BMBWF], 2023a). Er verankert „Grund- und Stützpunktvorstellungen zu Größen sowie Verständnis für das Messen“ bereits in der Bildungs- und Lehraufgabe und damit auf der obersten Zielebene. Zugleich verlangt er früh das Umrechnen und bündelt den Flächeninhalt in der vierten Schulstufe. Wie lassen sich diese Vorgaben so umsetzen, dass Verstehen im Mittelpunkt steht?
Fragestellung und Schwerpunkte
Dieser Beitrag fasst den nationalen und internationalen Forschungsstand zu Größen in der Primarstufe zusammen und bezieht ihn auf den österreichischen Lehrplan. Er folgt dabei einer bewussten Gewichtung: Im Zentrum steht das Verständnis — Messverständnis und Größenvorstellungen —, dazu kreative und originelle Wege, dieses Verständnis im Unterricht aufzubauen. Maßeinheiten und Umwandlungen kommen vor, aber am Rand. Leitend sind drei Fragen:
- Was weiß die Forschung darüber, wie Kinder Messverständnis und Größenvorstellungen aufbauen?
- Was verlangt der österreichische Lehrplan 2023, und wo liegen Spannungsfelder zur Forschung?
- Welche kreativen, forschungsbasierten Umsetzungen unterstützen das Verstehen?
Der Beitrag gliedert sich wie folgt:
- Grundlagen (Kapitel 2): Größenbegriff, Größenbereiche, Stufenfolge und Learning Trajectories
- Lehrplan (Kapitel 3): Größen im Lehrplan der Volksschule 2023 und in den österreichischen Leistungserhebungen
- Messverständnis (Kapitel 4): Länge, Flächeninhalt und Rauminhalt
- Größenvorstellungen (Kapitel 5): Stützpunkte und Schätzen
- Zeit, Geld, Masse (Kapitel 6): Größen, die man nicht sehen kann
- Kreative Wege (Kapitel 7): Lernumgebungen, Materialien und originelle Umsetzungen
- Diagnose und Sprache (Kapitel 8): Fehlvorstellungen, Diagnoseinstrumente, Sprache und Heterogenität
- Herausforderungen (Kapitel 9) sowie Fazit und Ausblick (Kapitel 10)
Datengrundlage
Der Artikel stützt sich auf 111 recherchierte Quellen (Stand September 2026), etwa je zur Hälfte in deutscher und englischer Sprache. Knapp 60 % sind begutachtete Publikationen, darunter Beiträge aus dem Journal for Research in Mathematics Education, ZDM – Mathematics Education, dem Journal of Mathematical Behavior, dem Journal für Mathematik-Didaktik und R&E-SOURCE. Hinzu kommen 22 Quellen mit Österreich-Bezug: der Lehrplan und seine Begleitmaterialien, die Berichte der Standardüberprüfungen und der iKMPLUS sowie österreichische fachdidaktische Arbeiten. Klassische Grundlagenwerke stehen neben aktuellen Studien; gut die Hälfte der Quellen erschien 2019 oder später. Alle Quellen sind im Quellenverzeichnis mit Bewertung nach Autorität, Aktualität und Relevanz zugänglich.
Hinweis zur Entstehung: Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit dem KI-System Claude (Anthropic) erstellt. Alle verwendeten Quellen sind ausgewiesen. Die inhaltliche Verantwortung liegt bei der Autorin bzw. beim Autor.
Literatur (Einleitung)
Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation & Entwicklung des österreichischen Schulwesens. (2019). Standardüberprüfung 2018. Mathematik, 4. Schulstufe. Bundesergebnisbericht. BIFIE, Salzburg. https://www.iqs.gv.at/_Resources/Persistent/8/8/4/d/884d9cba36794bb78355f4df430488117b0740a1/BiSt_UE_M4_2018_Bundesergebnisbericht.pdf
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung. (2023a). Lehrplan der Volksschule (Anlage A zur Verordnung BGBl. II Nr. 1/2023): Neunter Teil – Mathematik (1. bis 4. Schulstufe) und Achter Teil – Mathematische Früherziehung (Vorschulstufe). Bundesgesetzblatt für die Republik Österreich, BGBl. II Nr. 1/2023 (RIS). https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/BgblAuth/BGBLA_2023_II_1/Anlagen_0001_CE7F0AA2_A925_4A4D_8C3C_355D12BD22D1.pdfsig
Clements, D. H., & Sarama, J. (2021). Learning and Teaching Early Math: The Learning Trajectories Approach (3rd ed.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003083528
Kamii, C., & Clark, F. B. (1997). Measurement of Length: The Need for a Better Approach to Teaching. School Science and Mathematics, 97(3), 116–121. https://doi.org/10.1111/j.1949-8594.1997.tb17354.x
Knittel, R., Drüke-Noe, C., Aichinger, A., Eibelhuber, S., & Österbauer, V. (2021b). Kommentiertes Muster-Aufgabenpaket Basismodul Mathematik. Primarstufe. IQS, Salzburg. https://www.iqs.gv.at/_Resources/Persistent/b/f/3/c/bf3c9d3fbc0f2cba7eeb0dfcf73ec4620422ab46/iKMPLUS_Komm_Muster-Aufgabenpaket_M_Prim.pdf
Ruwisch, S. (2021). Stützpunkte als Kern des Größenverständnisses und Grundlage des Schätzens. In K. Hein, C. Heil, S. Ruwisch & S. Prediger (Hrsg.), Beiträge zum Mathematikunterricht 2021. WTM. https://doi.org/10.37626/GA9783959871846.0
2. Grundlagen: Was sind Größen?
Größen zwischen Zahl und Wirklichkeit
„Drei“ ist eine Zahl. „Drei Meter“ ist eine Größe. Der Unterschied ist mehr als eine angehängte Einheit. Zahlen beantworten die Frage „Wie viele?“, Größen die Frage „Wie viel?“ oder „Wie groß?“ — und sie verbinden damit die Welt der Mathematik mit der Welt der Dinge. Kinder begegnen Größen lange vor der Schule: Sie sind „schon so groß“, warten „noch fünf Minuten“, bekommen „ein Euro Taschengeld“. Hasemann und Gasteiger (2020) weisen darauf hin, dass Zahlen im Alltag von Schulanfänger\*innen häufig mit einer Maßeinheit auftreten und damit bereits Größen sind.
Mathematisch lässt sich eine Größe als Produkt aus Maßzahl und Einheit beschreiben. Hinter dieser Schreibweise steht eine Struktur: Ein Größenbereich ist eine Menge von Größen gleicher Art, die man vergleichen, addieren und vervielfachen kann. Formal entsteht eine Größe als Klasse aller Repräsentanten, die in einer bestimmten Eigenschaft übereinstimmen — alle Stäbe, die gleich lang sind, repräsentieren dieselbe Länge (Greefrath, 2018). Diese fachliche Grundlegung geht in der deutschsprachigen Didaktik wesentlich auf Griesel zurück, der die Geschichte des Größenkalküls von der Ingenieurpraxis des frühen 20. Jahrhunderts bis zu seiner mathematischen Fundierung in den 1960er-Jahren nachgezeichnet hat (Griesel, 2015). Diese Sicht ist für die Volksschule nicht als Stoff gedacht, erklärt aber, warum das Vergleichen am Anfang steht. Erst wenn Kinder erkennen, dass Gegenstände in einer Eigenschaft gleich oder verschieden sein können, entsteht der Begriff einer Größe.
Die Größenbereiche der Volksschule
Traditionell gelten in der Primarstufe Geldwerte, Längen, Zeitspannen, Massen sowie Flächen- und Rauminhalte als die zentralen Größenbereiche (Franke & Ruwisch, 2010). Winter (1985) bezeichnete sie als „bürgerliche Größen“, weil ihre Beherrschung für die Teilhabe am Alltag unverzichtbar ist. Die Bereiche unterscheiden sich allerdings deutlich:
- Längen sind sichtbar und direkt vergleichbar. Sie bilden meist den Einstieg und das Modell für andere Größenbereiche.
- Flächeninhalte und Rauminhalte verlangen räumliches Strukturieren in zwei und drei Dimensionen.
- Massen sind nur haptisch erfahrbar und brauchen Werkzeuge wie die Balkenwaage.
- Zeitspannen sind flüchtig; die Uhr zeigt Zeitpunkte, nicht Dauern.
- Geldwerte sind konventionell: Der Wert einer Münze steht in keinem Verhältnis zu ihrer Größe oder Masse.
Die Einheiten der Zeit folgen zudem keinem dezimalen System. Wer mit 60 Minuten, 24 Stunden und 7 Tagen rechnet, kann Stellenwertwissen nicht einfach übertragen.
Zwei Grundideen: Messen und Vorstellen
Die Didaktik unterscheidet zwei eng verbundene Kompetenzen. Die erste ist das Messverständnis: das Wissen, was beim Messen geschieht. Messen heißt, eine Einheit wiederholt und lückenlos abzutragen. Dafür benötigen Kinder die Konzepte Invarianz, Transitivität, Einheitsiteration und Nullpunkt (Peter-Koop & Nührenbörger, 2011). Clements und Sarama (2021) ergänzen Unterteilung von Einheiten, Akkumulation von Distanz und die Beziehung zwischen Zahl und Einheit — je kleiner die Einheit, desto größer die Maßzahl. Lehrer (2003) beschreibt Messen deshalb als Netz miteinander verbundener Konzepte, zu dem neben Iteration und lückenlosem Auslegen auch Standardisierung, Additivität und der Nullpunkt gehören. Kinder, so der Befund, beherrschen Messverfahren oft lange, bevor sie deren begriffliche Grundlagen verstehen.
Die zweite Kompetenz sind Größenvorstellungen: innere Bilder, Gefühle und Erfahrungen, die mit Größenangaben verknüpft sind. Ruwisch (2021) nennt sie Stützpunktvorstellungen und betont, dass nicht Einheiten, sondern Repräsentanten vorstellbar sind. Ohne Messverständnis bleiben Größenvorstellungen vage, ohne Größenvorstellungen bleibt Messen bloßes Ablesen.
Die klassische Stufenfolge — und ihre Grenzen
Im deutschsprachigen Raum orientiert sich der Größenunterricht seit Jahrzehnten an einer didaktischen Stufenfolge, die schon klassische Handbücher prägte (Radatz & Schipper, 1983) und heute etwa bei Franke und Ruwisch (2010) ausgearbeitet ist:
- Erfahrungen in Sachsituationen sammeln
- Direkt vergleichen (nebeneinanderlegen, in die Hand nehmen)
- Indirekt vergleichen mit selbstgewählten Einheiten (Schritte, Handspannen, Becher)
- Standardisierte Einheiten einführen (m, kg, l, min)
- Verfeinern, Umrechnen und Rechnen mit Größen
Die Folge begründet sich historisch und logisch. Selbstgewählte Einheiten führen zu unterschiedlichen Ergebnissen, und genau diese Irritation begründet die Notwendigkeit genormter Einheiten. Nührenbörger (2002) hat allerdings gezeigt, dass Kinder die Stufen nicht linear durchlaufen; ihre Denkwege verlaufen individuell, mit Rückgriffen und Sprüngen. Er plädiert deshalb für Messhandlungen, die das Nachdenken über Einheiten anregen, statt einer mechanischen Abarbeitung der Stufen.
International hat sich mit den Learning Trajectories ein verwandtes, aber feiner auflösendes Modell etabliert (Clements & Sarama, 2021). Es beschreibt Entwicklungsniveaus des kindlichen Denkens, verknüpft sie mit passenden Aufgaben und ist empirisch geprüft (Szilágyi et al., 2013). Ein aktuelles systematisches Review bestätigt die Validität solcher Lernverläufe über viele Inhaltsbereiche der frühen Mathematik (Clements & Sarama, 2024). In den Niederlanden hat das TAL-Projekt eine vergleichbare Lehr-Lern-Trajektorie für Messen und Geometrie im Kindergarten und in den ersten Schuljahren ausgearbeitet, mit Zwischenzielen und zahlreichen Unterrichtsbeispielen (van den Heuvel-Panhuizen & Buys, 2008). Die Stufenfolge beschreibt den Unterricht, die Learning Trajectory das Denken der Kinder. Beide Perspektiven ergänzen einander.
Ein vernachlässigtes Forschungsfeld
Trotz seiner Alltagsnähe ist der Bereich Größen und Messen vergleichsweise wenig erforscht. Smith et al. (2011) stellten in der Einführung zu einem ZDM-Themenheft fest, dass Messen gegenüber Zahl und Algebra deutlich weniger Forschungsaufmerksamkeit erhält. Seither hat sich das Bild verändert: Die Arbeiten zu Learning Trajectories, die deutschsprachige Forschung zum Schätzen und zu Stützpunktvorstellungen sowie neue Studien zu Zeit, Masse und digitalen Lernumgebungen haben das Feld belebt. Die folgenden Kapitel ordnen diese Befunde und beziehen sie auf den österreichischen Lehrplan.
Literatur (Grundlagen)
Clements, D. H., & Sarama, J. (2021). Learning and Teaching Early Math: The Learning Trajectories Approach (3rd ed.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003083528
Clements, D. H., & Sarama, J. (2024). Systematic review of learning trajectories in early mathematics. ZDM – Mathematics Education, 57, 637–650. https://doi.org/10.1007/s11858-024-01644-1
Franke, M., & Ruwisch, S. (2010). Didaktik des Sachrechnens in der Grundschule. Spektrum Akademischer Verlag (Springer), Reihe Mathematik Primarstufe und Sekundarstufe I + II. https://doi.org/10.1007/978-3-8274-2695-6
Greefrath, G. (2018). Größen. In Anwendungen und Modellieren im Mathematikunterricht. Springer Spektrum. https://doi.org/10.1007/978-3-662-57680-9_5
Griesel, H. (2015). Der Größenkalkül als ein Rechnen mit Größenwerten. In G. Kaiser & H.-W. Henn (Hrsg.), Werner Blum und seine Beiträge zum Modellieren im Mathematikunterricht (Realitätsbezüge im Mathematikunterricht, S. 187–201). Wiesbaden: Springer Spektrum. https://doi.org/10.1007/978-3-658-09532-1_14
Hasemann, K., & Gasteiger, H. (2020). Größen und Sachrechnen. In Anfangsunterricht Mathematik (4. Aufl.). Springer Spektrum. https://doi.org/10.1007/978-3-662-61360-3_7
van den Heuvel-Panhuizen, M., & Buys, K. (2008). Young Children Learn Measurement and Geometry: A Learning-Teaching Trajectory with Intermediate Attainment Targets for the Lower Grades in Primary School. Sense Publishers, Rotterdam. https://doi.org/10.1163/9789087903985
Lehrer, R. (2003). Developing understanding of measurement. In J. Kilpatrick, W. G. Martin & D. Schifter (Hrsg.), A Research Companion to Principles and Standards for School Mathematics (S. 179–192). Reston, VA: National Council of Teachers of Mathematics.
Nührenbörger, M. (2002). Denk- und Lernwege von Kindern beim Messen von Längen. Theoretische Grundlegung und Fallstudien kindlicher Längenkonzepte im Laufe des 2. Schuljahres. Franzbecker (Texte zur mathematischen Forschung und Lehre). https://verlagfranzbecker.de/p/349-marcus-nuehrenboerger-denk-und-lernwege-von-kindern-beim-messen-von-laengen
Peter-Koop, A., & Nührenbörger, M. (2011). Größen und Messen. In G. Walther, M. van den Heuvel-Panhuizen, D. Granzer & O. Köller (Hrsg.), Bildungsstandards für die Grundschule: Mathematik konkret (S. 89–117). Cornelsen Scriptor.
Radatz, H., & Schipper, W. (1983). Handbuch für den Mathematikunterricht an Grundschulen. Hannover: Schroedel. https://books.google.com/books/about/Handbuch_f%C3%BCr_den_Mathematikunterricht_a.html?id=cbTVPQAACAAJ
Ruwisch, S. (2021). Stützpunkte als Kern des Größenverständnisses und Grundlage des Schätzens. In K. Hein, C. Heil, S. Ruwisch & S. Prediger (Hrsg.), Beiträge zum Mathematikunterricht 2021. WTM. https://doi.org/10.37626/GA9783959871846.0
Smith, J. P., van den Heuvel-Panhuizen, M., & Teppo, A. R. (2011). Learning, teaching, and using measurement: introduction to the issue. ZDM – Mathematics Education, 43(5), 617–620. https://doi.org/10.1007/s11858-011-0369-7
Szilágyi, J., Clements, D. H., & Sarama, J. (2013). Young Children's Understandings of Length Measurement: Evaluating a Learning Trajectory. Journal for Research in Mathematics Education, 44(3), 581–620. https://doi.org/10.5951/jresematheduc.44.3.0581
Winter, H. (1985). Sachrechnen in der Grundschule. Problematik des Sachrechnens, Funktionen des Rechnens, Unterrichtsprojekte. CVK Bielefeld (2. Aufl. 1992, Cornelsen Scriptor). https://books.google.com/books/about/Sachrechnen_in_der_Grundschule.html?id=3uNjbwAACAAJ
3. Größen im österreichischen Lehrplan der Volksschule 2023
Ein Lehrplan erreicht die vierte Schulstufe
Mit dem Schuljahr 2026/27 gilt der neue Lehrplan der Volksschule erstmals in allen vier Schulstufen. Die Verordnung BGBl. II Nr. 1/2023 trat aufsteigend in Kraft: 2023 für Vorschulstufe und erste Schulstufe, 2024 für die zweite, 2025 für die dritte und am 1. September 2026 für die vierte Schulstufe (Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung [BMBWF], 2023a). Heuer unterrichten also erstmals alle Volksschullehrer\*innen Größen nach dem neuen Lehrplan. Grund genug, genau hinzusehen, was er verlangt — und was er offenlässt.
Der Mathematiklehrplan ist kompetenzorientiert aufgebaut. Er gliedert das Fach in vier inhaltliche Kompetenzbereiche — Zahlen und Daten, Operationen, Größen, Ebene und Raum — und verschränkt sie mit vier Prozessen: Modellieren, Operieren, Kommunizieren und Begründen, Problemlösen. Das Kompetenzmodell „basiert auf den 2009 eingeführten Bildungsstandards“ (BMBWF, 2023a, S. 71), in denen „Arbeiten mit Größen“ bereits als eigene inhaltliche Kompetenz verankert war (Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur [BMUKK], 2009).
Stützpunktvorstellungen auf höchster Ebene
Bemerkenswert ist, wo der Lehrplan das Thema platziert. Schon in der Bildungs- und Lehraufgabe, also auf der obersten Zielebene, heißt es, die Schüler\*innen „entwickeln Grund- und Stützpunktvorstellungen zu Größen sowie Verständnis für das Messen“ (BMBWF, 2023a, S. 71). Damit hat ein Begriff aus der mathematikdidaktischen Forschung (Ruwisch, 2021; Weiher & Ruwisch, 2018) Eingang in den Verordnungstext gefunden. Der Vorgängerlehrplan hatte an vergleichbarer Stelle noch von „Modellvorstellungen“ zu Maßeinheiten gesprochen (Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur [BMBWK], 2003).
Die Kerndefinition des Kompetenzbereichs lautet: „Der Bereich Größen umfasst das Vergleichen von Größen, das Messen von Größen insbesondere mithilfe normierter Maßeinheiten, das Anschreiben, Interpretieren und Umrechnen von Maßangaben, das Abschätzen von Größen mithilfe geeigneter Stützpunktvorstellungen sowie das Rechnen mit Größen“ (BMBWF, 2023a, S. 72). Fünf Tätigkeiten also: vergleichen, messen, notieren und umrechnen, schätzen, rechnen.
Der didaktische Kern
Die „Hinweise zum inhaltlichen Kompetenzbereich Größen“ bündeln das didaktische Programm des Lehrplans in wenigen Sätzen:
„Die Begriffsbildungen erfolgen durch handelnden Umgang mit konkreten Objekten. Das Prinzip des Messens und das Vergleichen von Größen sind dabei wesentlich. Um Verständnis für die unterschiedlichen Bedeutungen von Größe, Einheit und Maßzahl aufzubauen, werden beim Messen zunächst auch nicht genormte Einheiten verwendet. Zu genormten Einheiten werden Stützpunktvorstellungen entwickelt. Das Vertiefen des Verständnisses für Größen erfolgt durch das Bearbeiten vielfältiger Sachsituationen und Sachaufgaben sowie durch das Anstellen additiver und multiplikativer Vergleiche (zB um 2 cm kürzer, doppelt so schwer).“ (BMBWF, 2023a, S. 73)
Drei Beobachtungen drängen sich auf. Erstens bleibt die klassische Stufenfolge erhalten — Vergleichen, nicht genormte Einheiten, genormte Einheiten, Stützpunkte —, sie ist aber vorsichtiger formuliert als früher. Hieß es 2003 noch, „erst dann“ werde auf genormte Einheiten übergegangen, so werden nun „zunächst auch“ nicht genormte Einheiten verwendet (BMBWK, 2003; BMBWF, 2023a). Das lässt Raum für die individuellen Lernwege, die Nührenbörger (2002) beschrieben hat. Zweitens sind additive und multiplikative Vergleiche neu und ausdrücklich genannt. „Doppelt so schwer“ verlangt ein proportionales Denken, das über das bloße Messen hinausgeht. Drittens betont der Lehrplan das „Prinzip des Messens“ — und damit genau jenes Messverständnis, das die Forschung als unterschätzte Hürde ausweist (Kamii & Clark, 1997; Clements & Sarama, 2021).
Die allgemeinen didaktischen Grundsätze ergänzen das Bild. Tragfähige Grundvorstellungen entstehen „durch Handlungen wie das Kippen von Körpern, das Abnehmen von Begrenzungsflächen, das Falten von Papier oder das Umfangen und Auslegen von Flächen“, und Fehler werden „im Unterricht konstruktiv als Lernchancen aufgegriffen“ (BMBWF, 2023a, S. 72). Der Einsatz vielfältiger Materialien soll eine „einseitige Bindung an bestimmte didaktische Materialien bzw. Vorstellungen“ vermeiden.
Was in welcher Schulstufe?
Die Kompetenzbeschreibungen je Schulstufe legen fest, welche Einheiten wann hinzukommen (BMBWF, 2023a, S. 74–76):
| Schulstufe | Neue Einheiten | Uhrzeit und Zeit | Weitere Schwerpunkte |
|---|---|---|---|
| Vorschulstufe | keine genormten | Zeitspannen schätzen | Invarianz erkennen, Körpermaße, Waage, Umschütten |
| 1. | kg, m, ℓ, h, €, c | volle Stunden | selbst gewählte und genormte Einheiten |
| 2. | dag, dm, cm, min, s | halbe und Viertelstunden | Beziehungen zwischen Einheiten, ein- und mehrnamig |
| 3. | t, g, km, mm, mℓ | Stunden und Minuten | Abschätzen mit Stützpunkten, Umrechnen |
| 4. | km², ha, a, m², dm², cm², mm² | Zeitpunkte und Zeitspannen | Flächeninhalt, Bruchteile von Größen |
In jeder Schulstufe kommt die Formulierung hinzu, mit Größen in Sachsituationen zu arbeiten. Geldbeträge werden „ab der 3. Schulstufe auch in Kommaschreibweise mit zwei Nachkommastellen“ notiert (S. 73). Das Dekagramm ab der zweiten Schulstufe ist eine österreichische Besonderheit, die im deutschen Sprachraum sonst kaum vorkommt.
Das Kompetenzraster zum Lehrplan übersetzt diese Beschreibungen in Teilkompetenzen für Planung und Beobachtung. Für die erste Schulstufe heißt es dort etwa: „Begriffsbildungen erfolgen handelnd mit konkreten Objekten; Größen messen und vergleichen; Stützpunktvorstellungen zu genormten Einheiten entwickeln“ (BMBWF, 2023b).
Die Vorschulstufe als Ideenquelle
Eine Überraschung bietet die Mathematische Früherziehung der Vorschulstufe. Nur dort enthält der Lehrplan konkrete Anwendungsbereiche, und sie lesen sich wie eine Sammlung kreativer Unterrichtsideen: Kinder nach der Größe ordnen, Längen „mit Körpermaßen und technischen Hilfsmitteln“ messen, Gegenstände „mithilfe einer Waage“ abwiegen, „durch Schätzspiele in vielfältiger Art Grundvorstellungen zu Größen entwickeln“, Becherkuchen backen, Obstsalat zubereiten, Türme bauen und vergleichen, einen Kaufmannsladen betreiben, schätzen, „wie lang dauert eine Minute“ (BMBWF, 2023a, S. 32–33). Besonders elegant ist eine Invarianzaufgabe im Sinne Piagets: Kinder sollen an unterschiedlichen Gefäßen, die einen Liter fassen, „durch Umschütten verstehen, dass alle dieselbe Menge an Wasser fassen, obwohl sie unterschiedlich aussehen“ (S. 32). Die Früherziehung hält zudem fest, dass Arbeitsblätter „keinesfalls konkrete Aktivitäten“ ersetzen. Diese Haltung verdient es, in die höheren Schulstufen mitgenommen zu werden.
Spannungsfelder
Der Lehrplan ist nicht frei von Spannungen, und sie betreffen gerade das Verstehen.
Das Umrechnen kommt früh. Ab der zweiten Schulstufe sollen Kinder „Beziehungen zwischen Maßeinheiten anwenden“ und Größen mehrnamig anschreiben, ab der dritten „Umrechnungen durchführen“. Österreichische Didaktiker\*innen empfehlen hier Zurückhaltung. Lassnitzer und Gaidoschik (2019) warnen vor dem Umwandeln als „Glücksspiel“ mit angehängten Nullen und plädieren für einen späteren, verständnisbasierten Beginn. Gaidoschik (2024) fordert eine systematische Anbindung des metrischen Systems an das Stellenwertverständnis, und Schütky (2023) nennt als Voraussetzungen das Bündelungsprinzip, Stützpunkte und die Einsicht „vom kleinen mehr, vom größeren weniger“. Greiler und Lobnig (2025) zeigen, wie Lehr-Lern-Videos das Verfeinern und Vergröbern von Einheiten anschaulich machen können.
Der Flächeninhalt ballt sich in der vierten Schulstufe. Alle Flächeneinheiten von mm² bis km² kommen in einem einzigen Schuljahr hinzu. Der Vorgängerlehrplan sah bereits in der dritten Schulstufe das hantierende Vergleichen von Flächen- und Rauminhalten vor (BMBWK, 2003). Wer die Forschung zum räumlichen Strukturieren kennt (Battista et al., 1998; Outhred & Mitchelmore, 2000), wird Auslegeaktivitäten früher ansetzen, als der Lehrplan es verlangt — das Vergleichen von Flächen durch Aufeinanderlegen und Zerlegen braucht keine Einheiten. Müller (2024) zeigt, wie sich am Übergang zur Sekundarstufe auf diesen Auslegeerfahrungen aufbauen lässt.
Rauminhalt erscheint nur als Hohlmaß. Liter und Milliliter sind vorgesehen, Kubikeinheiten nicht. Das ist vertretbar, doch die Forschung zu Würfelgebäuden (Battista & Clements, 1996) legt nahe, räumliches Strukturieren bereits in der Volksschule anzubahnen.
Stützpunkte und Schätzen werden erst ab der dritten Schulstufe verbunden. In der ersten und zweiten Schulstufe sollen Kinder mit Einheiten „Vorstellungen verbinden“, das Abschätzen mithilfe von Stützpunkten steht erst ab der dritten. Die Forschung spricht dafür, Schätzen von Anfang an mit Stützpunkten zu verknüpfen (Joram et al., 2005; Heid, 2018).
Was Leistungserhebungen zeigen
Die Überprüfungen der Bildungsstandards am Ende der vierten Schulstufe erlauben einen Blick auf den Stand in Österreich. Bei der Vollerhebung 2013 erreichte der Inhaltsbereich „Arbeiten mit Größen“ 526 Punkte (Ausgangswert 2010: 500), der Zuwachs von 26 Punkten fiel deutlich geringer aus als bei Zahlen (+46) und Operationen (+42) (Schreiner & Breit, 2014). 2018 lag der Bereich bei 539 Punkten und damit hinter Zahlen (572) und Operationen (557); mit +13 Punkten verzeichnete er den geringsten Zuwachs aller Bereiche und eine vergleichsweise hohe Streuung (Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation & Entwicklung des österreichischen Schulwesens [BIFIE], 2019). Größen sind demnach seit Jahren ein relativer Schwachpunkt.
Einzelne Aufgaben machen das greifbar. Eine Aufgabe zur Flüssigkeitsmenge im Messbecher lösten 2013 nur 65 % der Kinder, die Frage nach der richtigen Zeit bei einer Turmuhr, die 20 Minuten vorgeht, 59 % (Schreiner & Breit, 2014). In den kommentierten Musteraufgaben der iKMPLUS für die dritte Schulstufe liegen die Lösungsquoten bei Größenaufgaben zwischen 30 % und 64 %: Die Umwandlung der Bleistiftlänge lösten 64 %, einen Einkauf mit Münzen 57 %, das Finden einer Uhrzeit 44 %, die Frage „Wie schwer ist ein Würfel?“ an einer Waage nur 31 % (Knittel et al., 2021b). Zeitspannen, Masse und begründendes Arbeiten mit Größen erweisen sich als besonders schwierig.
Das Praxishandbuch zu den Bildungsstandards hatte die Kompetenz bereits in Deskriptoren übersetzt — etwa „können geeignete Repräsentanten zu Maßeinheiten angeben“ oder „können Größen schätzen und ihre Vorgangsweise begründen“ (BIFIE, 2011). Die iKMPLUS hat das Kompetenzmodell mit dem Bereich „Arbeiten mit Größen“ übernommen (Knittel & Illetschko, 2021a). Im ersten Zyklus 2023 bis 2025 erreichten oder übertrafen 84 % der Kinder am Ende der vierten Schulstufe die Bildungsstandards in Mathematik; Ergebnisse nach Inhaltsbereichen werden allerdings nicht mehr berichtet (Institut des Bundes für Qualitätssicherung im österreichischen Schulwesen [IQS], 2026). Deutlich sind die sozialen Unterschiede: An Schulen mit der ungünstigsten sozialen Zusammensetzung übertreffen nur 5 % der Kinder die Standards, an den günstigsten 23 %. International liegt Österreich bei TIMSS 2019 im Bereich „Maße und Geometrie“ mit 542 Punkten gleichauf mit dem Bereich Zahlen und vor Deutschland (531) (Itzlinger-Bruneforth, 2020a).
Zwischenfazit
Der Lehrplan 2023 steht fachdidaktisch auf der Höhe der Zeit. Er rückt Stützpunktvorstellungen und das Prinzip des Messens ins Zentrum und verlangt handelnden Umgang mit konkreten Objekten. Die Spannungsfelder liegen in der zeitlichen Verteilung: Umrechnen kommt früh, Flächen kommen spät und gedrängt, Schätzen mit Stützpunkten erst ab der dritten Schulstufe. Lehrer\*innen haben Spielraum, diese Akzente im Sinne des Verstehens zu setzen — der Lehrplan selbst lädt mit seinem „zunächst auch“ dazu ein.
Literatur (Lehrplan)
Battista, M. T., & Clements, D. H. (1996). Students' Understanding of Three-Dimensional Rectangular Arrays of Cubes. Journal for Research in Mathematics Education, 27(3), 258–292. https://doi.org/10.2307/749365
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4. Messen verstehen: Länge, Flächeninhalt, Rauminhalt
Was beim Messen eigentlich passiert
Ein Kind legt ein Lineal an einen Bleistift, liest „9“ ab und schreibt „9 cm“. Richtig. Dasselbe Kind legt denselben Bleistift so an, dass seine Spitze bei der Markierung 3 beginnt — und liest wieder „9“ ab. Wer so misst, hat keine Rechenschwäche, sondern ein unvollständiges Bild davon, was ein Lineal überhaupt ist. Solomon et al. (2015) zeigten in drei Experimenten mit Kindergarten- und Zweitklasskindern genau dieses Muster: Liegt das Objekt bündig am Nullpunkt, gelingt das Messen gut; ist es verschoben, sinken die Leistungen auf Zufallsniveau. Die Kinder lesen den Endpunkt ab oder zählen Striche statt Zwischenräume.
Messen heißt, eine Größe mit einer Einheit zu vergleichen und festzustellen, wie oft diese Einheit lückenlos und ohne Überlappung in die Größe passt. Hinter dieser knappen Definition stehen mehrere Teilkonzepte, die Kinder erst nach und nach aufbauen: Invarianz (ein Stab bleibt gleich lang, wenn man ihn verschiebt), Transitivität (ist A länger als B und B länger als C, dann ist A länger als C), Einheitsiteration, Unterteilung von Einheiten, die Bedeutung des Nullpunkts und die Akkumulation von Distanz (Peter-Koop & Nührenbörger, 2011; Clements & Sarama, 2021). Keines dieser Konzepte ist durch das Vorzeigen eines Messgeräts erledigt.
Kamii und Clark (1997) befragten 383 Kinder der ersten bis fünften Schulstufe einzeln. Das Ergebnis ist bis heute unbequem: Die Einheitsiteration — also das Verständnis, dass eine kleine Einheit wiederholt abgetragen werden kann — konstruieren die meisten Kinder erst um die vierte Schulstufe. Den Umgang mit dem Lineal unterrichten Schulen jedoch deutlich früher. Die Autor\*innen folgern, dass frühes Ablesetraining am Lineal an der eigentlichen Denkentwicklung vorbeigeht, und plädieren für problemorientierte Messsituationen, in denen Kinder ihre Strategien selbst überdenken.
Lernverläufe statt Stoffabfolge
Die deutschsprachige Didaktik beschreibt den Aufbau von Größenverständnis traditionell als Stufenfolge: Erfahrungen in Sachsituationen, direktes Vergleichen, indirektes Vergleichen mit selbstgewählten Einheiten, Einführung standardisierter Einheiten, schließlich Umrechnen und Rechnen mit Größen (Franke & Ruwisch, 2010). Die Stufenfolge ist als Planungshilfe wertvoll. Als Beschreibung kindlichen Denkens greift sie zu kurz, wie Nührenbörger (2002) in seinen Fallstudien mit Zweitklässler\*innen zeigte: Längenkonzepte entwickeln sich nicht linear, sondern auf individuellen Denk- und Lernwegen, mit Rückgriffen und Sprüngen.
International hat sich das Konzept der Learning Trajectories durchgesetzt, das Entwicklungsniveaus mit passenden Lernaktivitäten verknüpft. Für die Länge beschreiben Clements und Sarama (2021) eine Progression vom bloßen Erkennen einer Länge über das direkte Vergleichen und das Aneinanderreihen von Einheiten bis zum konsistenten Messen mit dem Lineal. Szilágyi et al. (2013) bestätigten diese Abfolge querschnittlich für die meisten Kinder vom Kindergarten bis zur zweiten Schulstufe. Barrett et al. (2012) präzisierten in Längsschnitt-Lehrexperimenten einen Knackpunkt: Intervalle als zählbare Einheiten zu begreifen genügt nicht. Kinder müssen Zwischenräume, Teilstriche und Zahlbeschriftung am Lineal gleichzeitig zusammendenken, bevor sie verlässlich messen.
Dass die Reihenfolge der Lernangebote nicht beliebig ist, belegt eine randomisierte Studie mit 189 Kindergartenkindern (Sarama et al., 2021a). Eine Gruppe lernte entlang der Trajectory, eine zweite erhielt dieselben Aktivitäten in umgekehrter Reihenfolge, eine dritte regulären Unterricht. Beide Interventionsgruppen übertrafen die Kontrollgruppe — die Kinder mit entwicklungsgerechter Abfolge aber auch die Gruppe mit denselben Aufgaben in verkehrter Reihenfolge. Aufgaben knapp über dem aktuellen Denkniveau wirken also besser als dieselben Aufgaben ohne Sequenzierung. Wie sich das Einheitenverständnis über mehrere Jahre entwickelt, verfolgten Barrett et al. (2011) in einem Unterrichtsexperiment von der zweiten bis zur fünften Schulstufe über Länge, Fläche und Volumen hinweg: Kinder, die verschiedene Darstellungen einer Einheit verknüpften, Einheiten zu größeren bündelten und die Willkürlichkeit der Einheit reflektierten, bauten ein tragfähigeres Verständnis auf — eine Grundlage auch für das spätere Umwandeln.
Das Lineal selbst bauen
Wie lässt sich die Brücke vom Aneinanderlegen von Einheiten zum Standardlineal bauen? Gómezescobar et al. (2023) ließen Kinder aus Spanien und Portugal mit speziell gestalteten Linealen messen: mit sichtbaren Einheitenblöcken, nur mit Teilstrichen oder mit nummerierten Einheiten. Der Linealtyp bestimmte die gewählte Strategie; diskrete, sichtbare Einheiten wirkten als Gerüst hin zum Standardlineal. Gómezescobar (2025) baut darauf einen Lernpfad auf, in dem Kinder ihr Lineal schrittweise selbst konstruieren — von aneinandergereihten Einheiten über markierte Intervalle bis zur beschrifteten Skala. Die Zahl am Lineal zählt dann sichtbar Zwischenräume, nicht Striche. Für die Volksschule ist das eine unmittelbar umsetzbare Idee: Ein Papierstreifen, Büroklammern, ein Stift genügen.
Auch hartnäckige Fehlvorstellungen lassen sich überraschend schnell erschüttern. Kwon et al. (2024) konfrontierten 88 Zweitklässler\*innen mit widersprechender Evidenz: Sie maßen verschobene Objekte und erhielten korrigierendes Feedback. Trainings unter zehn Minuten überwanden das Ablesen am Endpunkt, und der Effekt hielt nach einer Woche noch an. Rein prozedurale Instruktion („Leg das Lineal bei 0 an“) blieb dagegen wirkungslos. Am schnellsten lernten jene Kinder, die zusätzlich Einheitenplättchen direkt auf das Lineal legten.
Flächeninhalt: vom Auslegen zum Strukturieren
Beim Flächeninhalt kommt eine zweite Hürde hinzu: Kinder müssen eine Fläche als zweidimensionale Struktur aus Zeilen und Spalten sehen. Battista et al. (1998) nannten diese mentale Leistung räumliches Strukturieren. Viele Grundschulkinder erkennen die Zeilen-Spalten-Struktur eines Quadratrasters nicht, zählen Randquadrate doppelt oder zählen unkoordiniert einzeln ab. Outhred und Mitchelmore (2000) ordneten die Strategien von 115 Kindern der Schulstufen eins bis vier fünf Entwicklungsniveaus zu, von unvollständiger Überdeckung bis zur Berechnung aus Zeilen- und Spaltenzahl — und zwar bevor Flächenmessung überhaupt unterrichtet worden war. Entscheidend war, ob Kinder die Beziehung zwischen Einheitsgröße und Seitenlänge erfassten.
Vollrath (1999) beschreibt ein Langzeitmodell für den Flächeninhaltsbegriff: Vergleichen durch Aufeinanderlegen und Zerlegen, dann Auslegen mit Einheitsquadraten, später Formeln, am Ende Integrale. Der Primarstufe gehören die ersten beiden Phasen. Wer sie überspringt, produziert Formelwissen ohne Fundament. Zacharos (2006) verglich 106 griechische Schüler\*innen der letzten Volksschulstufe: In der Gruppe mit formelorientiertem Unterricht maßen viele Kinder zwei Seiten und multiplizierten, auch wo das keinen Sinn ergab. Bei einer Zerlegungsaufgabe lösten 71,4 % der konzeptorientiert unterrichteten Kinder die Aufgabe, aber nur 20 % der Vergleichsgruppe. Ein systematisches Review bestätigt die Richtung: Das Prinzip der Flächenmessung zu unterrichten wirkt stärker als ein Lösungsverfahren (Idrus et al., 2022).
Strukturierungskompetenz lässt sich früher aufbauen, als man lange annahm. Clements et al. (2018) verglichen drei Interventionen am Grundschulanfang und fanden, dass jüngere Kinder Zeilen und Spalten erfolgreich koordinieren lernen, wenn Aufgaben entlang der Lernniveaus gestaltet sind. Eine digitale Variante erprobten Flavin et al. (2025): Eine Augmented-Reality-App legt virtuelle Einheitenraster über reale Flächen im Klassenzimmer. Die Fallstudie umfasst nur drei Kinder; sie zeigt aber, wie Technik das mühsame und fehleranfällige Hantieren mit Plättchen ergänzen kann.
Rauminhalt: Würfel, Schichten, Hohlmaße
Beim Rauminhalt verschärft sich das Strukturierungsproblem. Battista und Clements (1996) baten 45 Drittklässler\innen und 78 Fünftklässler\innen, die Würfelanzahl in Quadern zu bestimmen. Viele sahen zunächst nur sichtbare Seitenflächen, zählten Würfel mehrfach; erst später erkannten sie raumfüllende Schichten. Selbst Fünftklässler\innen verwendeten die Volumenformel oft ohne jedes Strukturverständnis. Tan Sisman und Aksu (2016) dokumentierten bei 445 Sechstklässler\innen, wohin das führt: Flächen- und Umfangsformel werden verwechselt, die Volumenformel wird auf die Oberfläche angewandt, und manche Kinder glauben, jedes Lineal sei 30 cm lang.
Für die Volksschule heißt das: Rauminhalte zuerst bauen, umfüllen und vergleichen, bevor gerechnet wird. Würfelgebäude aus Steckwürfeln, Schachteln, die mit Einheitswürfeln gefüllt werden, Wasser, das zwischen verschieden geformten Gefäßen hin- und herwandert — solche Erfahrungen stützen die Schichtvorstellung und das Verständnis von Invarianz. Die deutschen Bildungsstandards nennen das Auslegen von Flächen mit Einheitsquadraten und das Füllen von Rauminhalten mit Einheitswürfeln ausdrücklich als Teil des Messverständnisses (Kultusministerkonferenz, 2022).
Was folgt daraus?
Drei Befunde ziehen sich durch die Forschung zu Länge, Fläche und Rauminhalt. Erstens: Messverständnis entsteht langsamer, als Schulbücher suggerieren; die Einheitsiteration ist für viele Kinder noch in der dritten Schulstufe nicht gesichert. Zweitens: Die Abfolge von Lernangeboten zählt, und sie sollte sich an Denkniveaus orientieren, nicht an der Systematik der Einheiten. Drittens: Kurze, gezielte Irritationen — ein verschobenes Objekt am Lineal, ein Rechteck mit fehlenden Quadraten — sind wirksamer als Erklärungen. Messgeräte sind keine neutralen Werkzeuge. Sie verkörpern Konzepte, die Kinder erst entschlüsseln müssen.
Literatur (Messen verstehen)
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5. Größenvorstellungen, Stützpunkte und Schätzen
Kann man sich einen Meter vorstellen?
„Stell dir einen Meter vor.“ Die Aufforderung klingt harmlos, doch Ruwisch (2021) hält sie für streng genommen unerfüllbar. Weder ein Größenbereich noch eine Größenangabe wie 1 m, 3 min oder 100 g ist vorstellbar — vorstellbar sind nur Repräsentanten: ein großer Schritt, der Weg zur Bushaltestelle, eine Tafel Schokolade. Ruwisch spricht deshalb von Stützpunktvorstellungen und unterscheidet sie scharf vom Stützpunktwissen. Wer weiß, dass eine Tür etwa 2 m hoch ist, verfügt über Wissen. Wer beim Gedanken an 2 m ein inneres Bild der Tür, ein Gefühl für die Armhöhe darüber oder eine Erinnerung an das Hochspringen hat, verfügt über eine Vorstellung. Kinder können Maße auswendig kennen, ohne jede Vorstellung davon zu haben — Reuter (2011) zeigte das eindrücklich für den Größenbereich Gewicht.
Diese Unterscheidung verschiebt den Blick auf den Unterricht. Das Ziel ist nicht, möglichst viele Maßangaben abrufbar zu machen, sondern ein Netz an Repräsentanten aufzubauen, das beim Denken tatsächlich trägt. Ruwisch (2021) beschreibt dafür vier Arten des Vergleichens, gebildet aus zwei Gegensatzpaaren: qualitativ oder quantitativ, konkret oder mental. Erst wenn mehrere Stützpunkte miteinander vernetzt sind — der Daumen als Zentimeter, die Handspanne als etwa 15 bis 20 cm, der Schritt als knapp ein Meter —, werden sie beim Schätzen und Überschlagen handlungswirksam.
Das Körpermaß ist dabei mehr als eine Eselsbrücke. Davidsen und Ryberg (2017) filmten zwei Neunjährige, die ihr Zimmer maßstäblich von Papier auf einen Touchscreen übertrugen. Wie groß ein Meter ist, verhandelten die beiden über Sprache, Gesten und Körperbewegung; in den Gesten wurden zwei unterschiedliche Meter-Vorstellungen sichtbar. Größenvorstellungen sind, so gesehen, auch verkörpertes Wissen.
Schätzen ist nicht Raten
Im Alltag hat das Schätzen einen schlechten Ruf. „Schätz einfach“ klingt nach Beliebigkeit. Die Mathematikdidaktik sieht das anders. Joram et al. (1998) beschreiben in einem grundlegenden Review gute Schätzer\innen als Menschen, die flexibel zwischen einer Maßzahl samt Einheit und einer mentalen Repräsentation der Größe hin- und herwechseln — „from number to quantity and back“. Die Autor\innen kritisieren Unterrichtsansätze, die bloß einzelne Messwerte mit Referenzobjekten verknüpfen, und fordern, Einheitensysteme und Maßskalen als Ganzes erfahrbar zu machen.
Weiher und Ruwisch (2018) legen ein Modell der Fähigkeiten vor, die Größenschätzen erfordert: exekutive Funktionen, Wissen über den Messprozess, Stützpunktwissen und -vorstellungen, Vergleichsfähigkeit, räumliches Vorstellungsvermögen und allgemeines mathematisches Wissen. Schätzen ist demnach ein kognitiv anspruchsvoller Vorgang, bei dem eine nicht gemessene Größe mental mit einem Stützpunkt verglichen wird. Raten hingegen kommt ohne diesen Vergleich aus. Dass Größenschätzen eine eigenständige Kompetenz ist und sich vom Überschlagsrechnen unterscheidet, legt schon eine Hauptkomponentenanalyse von Hogan und Brezinski (2003) nahe: Anzahl- und Größenschätzen bildeten eine eigene Komponente, während Überschlagsrechnen mit Rechenfertigkeiten zusammenhing.
Wirkt die Stützpunktstrategie tatsächlich? Joram et al. (2005) untersuchten Drittklässler\innen, die gezielt mit Referenzpunkten wie Körpermaßen oder bekannten Objekten arbeiteten. Diese Kinder schätzten genauer und entwickelten bessere Vorstellungen der Standardeinheiten. Heid (2018) rekonstruierte in einer Interviewstudie mit Viertklässler\innen die Strategien beim Schätzen von Längen und Fassungsvermögen: Gute Schätzer\*innen nutzten flexibel mentale Vergleiche mit Stützpunkten; schwächere Kinder scheiterten häufig genau an diesem mentalen Vergleich.
Nicht jede Größe ist gleich schwer
Weiher (2023) entwickelte einen parallelisierten Schätztest für vier Größenbereiche und setzte ihn bei 900 Kindern der vierten bis sechsten Schulstufe ein. Rund 70 % der Varianz in der Schätzgenauigkeit ließen sich auf den Größenbereich zurückführen. Längen schätzten die Kinder am genauesten; Fassungsvermögen und Rauminhalte fielen ihnen besonders schwer, vor allem wenn Standardeinheiten für Rauminhalte gefragt waren. Die Schätzgenauigkeit hing mit den Ergebnissen eines Stützpunkttests zusammen, und die Leistung beim Längenschätzen sagte jene in den übrigen Größenbereichen vorher.
Auch innerhalb eines Größenbereichs ist Schätzen kein einheitliches Konstrukt. Hoth et al. (2022a) testeten Dritt- und Viertklässler\innen in Deutschland und Taiwan (Studie 1: N = 248, Studie 2: N = 903) und fanden drei Dimensionen des Längenschätzens: kleine Objekte, größere, aber greifbare Objekte sowie große, nicht greifbare Objekte wie Gebäudehöhen oder Entfernungen. Taiwanesische Kinder waren in den ersten beiden Dimensionen besser, deutsche in der dritten. Die Autor\innen deuten das als Folge unterschiedlicher Unterrichtstraditionen. Die Dimensionalität des Objekts selbst — ein-, zwei- oder dreidimensional — beeinflusste die Genauigkeit dagegen nicht, wie Holland et al. (2026) mit 123 Kindern der dritten und vierten Schulstufe zeigten.
Schätzsituationen bewusst variieren
Wer im Unterricht nur Radiergummis und Bleistifte schätzen lässt, trainiert eine einzige von vielen Schätzsituationen. Weiher et al. (2022) haben aus der Literatur die zentralen Merkmale von Längenschätzaufgaben herausgearbeitet — Objektgröße, Sicht- und Greifbarkeit, Art der Einheit, Richtung von der Zahl zur Größe oder umgekehrt — und systematisch kombiniert. Das Ergebnis: 228 sinnvolle Schätzsituationen. Das Modell eignet sich als Planungsraster für Lehrer\*innen, die ihr Aufgabenrepertoire prüfen wollen.
Weiher und Heil (2024) setzen genau hier an. Sie kritisieren, dass Schätzen meist in kleinräumigen Settings am Tisch geübt wird, obwohl Kinder im Alltag die Höhe eines Baumes, die Breite einer Straße oder die Entfernung zum Spielplatz einschätzen müssen. Aus einer kognitionspsychologischen Klassifikation räumlicher Aufgabenräume leiten sie verschieden „große“ Schätzsituationen ab: im Klassenzimmer, auf dem Schulhof, im Schulgebäude, auf dem Schulweg. Aus solchen Aufgaben lassen sich Schätzspaziergänge machen, bei denen Kinder erst schätzen, dann mit Maßband, Schrittzählung oder Messrad überprüfen und schließlich ihre Stützpunkte nachschärfen.
Dass sich Schätzkompetenz gezielt fördern lässt, belegen Peters et al. (2025) mit einer klassenweise randomisierten Studie (14 Klassen, n = 310, fünfte Schulstufe). Eine digitale Lernumgebung von zweimal 45 Minuten mit ausgearbeiteten Lösungsbeispielen, Austausch und Scaffolding zum Schätzen von Massen verbesserte die Leistungen beider Interventionsgruppen deutlich gegenüber der Kontrollgruppe. Die Studie liegt knapp jenseits der Volksschule, ihre Logik — Stützpunkte explizit machen, Strategien vergleichen — lässt sich aber auf die dritte und vierte Schulstufe übertragen.
Konsequenzen für die Volksschule
Größenvorstellungen entstehen nicht durch das Einprägen von Umrechnungszahlen, sondern durch handelnde, vergleichende und reflektierende Erfahrung. Drei Folgerungen liegen nahe. Stützpunkte gehören ausdrücklich in den Unterricht, gesammelt in einem klasseneigenen „Stützpunkt-Museum“ oder einem persönlichen Größenheft. Schätzaufgaben sollten die Vielfalt realer Situationen abbilden und über den Tisch hinaus in den Raum führen. Und schließlich braucht jedes Schätzen eine Rückmeldung: Erst der Vergleich zwischen Schätzung und Messung schärft die Vorstellung. Wer schätzt, ohne je nachzumessen, rät weiter.
Literatur (Größenvorstellungen)
Davidsen, J., & Ryberg, T. (2017). “This is the size of one meter”: Children's bodily-material collaboration. International Journal of Computer-Supported Collaborative Learning, 12(1), 65–90. https://doi.org/10.1007/s11412-017-9248-8
Heid, L.-M. (2018). Das Schätzen von Längen und Fassungsvermögen. Eine Interviewstudie zu Strategien mit Kindern im 4. Schuljahr. Springer Spektrum (Perspektiven der Mathematikdidaktik). https://doi.org/10.1007/978-3-658-18874-0
Hogan, T. P., & Brezinski, K. L. (2003). Quantitative Estimation: One, Two, or Three Abilities?. Mathematical Thinking and Learning 5(4), 259–280. https://doi.org/10.1207/S15327833MTL0504_02
Holland, R., Hoth, J., & Vock, P. (2026). Der Einfluss der Dimensionalität des Schätzobjekts auf die Schätzgenauigkeit von Schülerinnen und Schülern in der Grundschule. Zeitschrift für Grundschulforschung, 19(2), 467–483. https://doi.org/10.1007/s42278-026-00278-4
Hoth, J., Heinze, A., Huang, H.-M. E., Weiher, D. F., Niedermeyer, I., & Ruwisch, S. (2022a). Elementary School Students' Length Estimation Skills—Analyzing a Multidimensional Construct in a Cross-Country Study. International Journal of Science and Mathematics Education, 21(6), 1841–1864. https://doi.org/10.1007/s10763-022-10323-0
Joram, E., Subrahmanyam, K., & Gelman, R. (1998). Measurement Estimation: Learning to Map the Route From Number to Quantity and Back. Review of Educational Research 68(4), 413–449. https://doi.org/10.3102/00346543068004413
Joram, E., Gabriele, A. J., Bertheau, M., Gelman, R., & Subrahmanyam, K. (2005). Children's Use of the Reference Point Strategy for Measurement Estimation. Journal for Research in Mathematics Education 36(1), 4–23. https://eric.ed.gov/?id=EJ764973
Peters, N., Prediger, S., & Weiss, J. (2025). Fostering Students' Measurement Estimation Skills in a Digital Teaching-Learning Environment: A Class-Wise Randomized Controlled Trial in Grade 5. Education Sciences 15(2), 238. https://doi.org/10.3390/educsci15020238
Reuter, D. (2011). Kindliche Konzepte zur Größe Gewicht und ihre Entwicklung. Theoretische Modellierung und zwei Einzelfallstudien mit Drittklässlern. Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin. https://edoc.hu-berlin.de/items/703898d8-3ffd-4895-b1ed-13d5cc1798cd
Ruwisch, S. (2021). Stützpunkte als Kern des Größenverständnisses und Grundlage des Schätzens. In K. Hein, C. Heil, S. Ruwisch & S. Prediger (Hrsg.), Beiträge zum Mathematikunterricht 2021. WTM. https://doi.org/10.37626/GA9783959871846.0
Weiher, D. F., & Ruwisch, S. (2018). Kognitives Schätzen aus Sicht der Mathematikdidaktik: Schätzen von visuell erfassbaren Größen und dazu erforderliche Fähigkeiten. mathematica didactica 41(1), 77–103. https://journals.ub.uni-koeln.de/index.php/mathematica_didactica/article/download/1136/1088/3166
Weiher, D. F., Ruwisch, S., Huang, H.-M. E., Hoth, J., & Heinze, A. (2022). Modelling the Complexity of Measurement Estimation Situations: A Theoretical Framework for the Estimation of Lengths. mathematica didactica, 45. https://doi.org/10.18716/ojs/md/2022.1593
Weiher, D. F. (2023). Das Schätzen von Längen, Flächeninhalten, Fassungsvermögen und Rauminhalten. Entwicklung und Auswertung eines Schätztests für Kinder der vierten, fünften und sechsten Klasse. Dissertation, Leuphana Universität Lüneburg. https://pubdata.leuphana.de/server/api/core/bitstreams/1daa1213-b183-41a1-8a8a-4efa165f5eaf/content
Weiher, F., & Heil, C. (2024). Authentisch und vielfältig – Zum Schätzen von Längen in verschieden „großen“ Schätzsituationen. In C. Heil & D. Bönig (Hrsg.), Mathematische Begegnungen mit Kindern schätzen lernen. Festschrift für Silke Ruwisch. WTM. https://doi.org/10.37626/GA9783959872386.0.12
6. Zeit, Geld, Masse: Größen, die man nicht sehen kann
Warum diese drei Größenbereiche eigene Wege brauchen
Länge und Fläche kann man sehen, nebeneinanderlegen, mit dem Finger nachfahren. Bei Zeit, Masse und Geld versagt diese Anschaulichkeit. Eine Stunde lässt sich nicht auf den Tisch legen, das Gewicht eines Apfels nur in der Hand spüren, und der Wert einer Münze steht in keinem sichtbaren Verhältnis zu ihrer Größe. Genau deshalb sind diese Größenbereiche didaktisch anspruchsvoller, als ihr Platz im Alltag vermuten lässt. Franke und Ruwisch (2010) behandeln sie gemeinsam mit Länge und Rauminhalt als klassische Größenbereiche der Grundschule; Winter (1985) sprach schon früh von den „bürgerlichen Größen“, deren Beherrschung zur Erschließung der Umwelt gehört.
Zeit: mehr als Uhrenlesen
Kaum ein Thema ist so hartnäckig schwierig. Burny et al. (2009) erinnern daran, dass Zeit bereits seit den 1920er-Jahren als schwer zu unterrichtender Inhalt gilt. In ihrem Review unterscheiden sie das Lesen von Uhren und Kalendern von mentalen Zeitleisten, mit denen Zeitspannen gemessen und geschätzt werden. Uhrenlesen allein stützt sich auf ein ganzes Bündel von Teilkompetenzen: Sprache, Gedächtnis, Zählen in Fünferschritten, räumliche Fähigkeiten und Bruchvorstellungen, etwa beim Verhältnis von Stunde und Minute.
Wie groß die Unterschiede sind, zeigt eine Studie mit 154 Kindern mit Rechenschwierigkeiten und 571 durchschnittlich leistenden Kindern (Burny et al., 2012). Die Kinder mit Rechenschwierigkeiten schnitten deutlich schwächer ab und scheiterten vor allem an Uhrzeiten im Fünf- und Einminutenraster, bei denen Zählstrategien und Faktenabruf zusammenwirken müssen. Uhrenlesen ist also auch ein diagnostisch aufschlussreiches Feld.
Noch schwieriger ist die Zeitspanne. Kamii und Russell (2012) befragten 126 Kinder der zweiten bis fünften Schulstufe und stießen auf ein typisches Muster: Für die Spanne von 8:30 bis 11:00 Uhr nannten viele Kinder „3 Stunden 30 Minuten“. Die Ursache sehen die Autor\*innen in der fehlenden Koordination hierarchischer Einheiten — Stunden und Minuten gleichzeitig im Blick zu behalten, gelingt erst durch reflektierende Abstraktion. Ihr Rat: Kinder im Alltag über Dauern nachdenken lassen, statt Rechenverfahren für Zeitspannen zu drillen.
Auch das Werkzeug formt das Denken. Earnest (2017) ließ je 72 Kinder der zweiten und vierten Schulstufe Zeitaufgaben mit verschiedenen Uhren lösen; die Leistungen hingen signifikant vom verfügbaren Werkzeug ab. Die Kinder beherrschten Konventionen wie das Zählen in Fünferschritten, verstanden die Beziehung zwischen Stunden und Minuten aber nur bruchstückhaft. Earnest und Chandler (2021) zeigten zudem, dass Sprache die Deutung lenkt: Präzise Angaben wie „2:30“ führten zu ganzzahligen Beschreibungen, relative Angaben wie „half past“ zu Teil-Ganzes-Deutungen. Für den österreichischen Unterricht ist das besonders relevant, denn „viertel drei“, „halb drei“ und „dreiviertel drei“ sind relative Zeitsprache mit regional unterschiedlichen Gewohnheiten.
Digitales Ablesen fällt Kindern bereits in der ersten Schulstufe leicht, analoges Ablesen nur bei vollen Stunden; einige Zeiten bleiben selbst für die ältesten Kinder schwierig (Friedman & Laycock, 1989). Boulton-Lewis et al. (1997) bestätigten für die ersten drei Schulstufen eine Erwerbsreihenfolge, die sich als Planungshilfe eignet: volle Stunde, halbe Stunde, Viertelstunde, Fünfminutenschritte, einzelne Minuten — wobei digitale Zeiten früher gelingen als analoge und Zeiten „nach“ der vollen Stunde schwerer fallen. Uhrzeitverständnis verlangt mehr als Ablesen, nämlich den Bezug zu Ereignissen im Tagesablauf. Thomas et al. (2023) legten dafür ein Rahmenmodell mit vier Komponenten vor — Zeitbewusstsein, Abfolge, Dauer, Messen von Zeit — und ein darauf aufbauendes Einzelinterview mit 69 Aufgaben. Ihre Interviews mit Kindern der dritten und vierten Schulstufe zeigten eine große Streuung im Zeitverständnis. Ein aktuelles systematisches Review bestätigt eine Schieflage der Forschung: Die meisten der 36 analysierten Arbeiten konzentrieren sich auf das Uhrenlesen, während Zeitausdrücke und fächerübergreifende Aspekte kaum vorkommen (van Bommel & Walla, 2025).
Wie ein kreativer Zugang aussehen kann, zeigt ein Bewegungsspiel mit 232 Erstklässler\*innen mit Lernschwierigkeiten: Die Kinder bildeten mit ihren Körpern Zeiger und Zifferblatt. Nach drei Wochen verbesserten sie das Lesen und Notieren von Uhrzeiten deutlich stärker als die Vergleichsgruppe (Hawani et al., 2023).
Geld: vertraut und doch fremd
Geld scheint Kindern vertraut. Die Befunde sprechen eine andere Sprache. In einer Potsdamer Studie mit 87 Schulanfänger\*innen konnten nur rund 36 % alle Münzen und Scheine korrekt benennen; beim Bestimmen des Werts einer Münzsammlung zählten viele Kinder die Münzen, ohne ihren Wert zu berücksichtigen (Grassmann et al., 2008). Das Wissen über Geld war schwächer ausgeprägt als das arithmetische Vorwissen, und die Unterschiede zwischen den Kindern waren groß.
Thiel (2008) sieht darin eine Frage der Chancengleichheit: Kinder kaufen seltener selbst ein, bargeldloses Bezahlen nimmt zu, und damit fehlen Handlungserfahrungen mit Bezahlen und Wechselgeld. Gleichzeitig hängen Alltagserfahrungen mit Geld mit arithmetischen Kompetenzen zusammen. Wer zu Hause nie mit Münzen hantiert, startet mit einem Nachteil. Dass Rollenspiele hier Lerngelegenheiten schaffen, zeigt eine Studie zum Kaufladenspiel von Eltern mit Vierjährigen: Gespräche über Preise und den Tausch von Geld und Waren hingen mit geldbezogenen Rechenfähigkeiten der Kinder zusammen (Duong et al., 2024). Der Unterricht muss diese Erfahrungen deshalb bewusst nachholen — mit Kaufladen, Flohmarkt, Klassenkassa oder Rechengeschichten rund um Taschengeld. Geld hat dabei eine didaktische Besonderheit: Münzen und Scheine sind Repräsentanten, deren Wert nicht an ihrer Größe ablesbar ist. Die 10-Cent-Münze ist kleiner als die 5-Cent-Münze und trotzdem doppelt so viel wert. Gerade das macht Geld zu einem guten Übungsfeld für Bündeln und Stellenwert.
Masse: eine Größe für die Hand
Gewicht ist haptisch, nicht visuell wahrnehmbar. Reuter (2011) modelliert kindliche Gewichtskonzepte mit Teilkonzepten zu Einheiten, Bezugswissen, Waagen und dem Wiegen selbst. Die Interviewstudie mit Drittklässler\*innen ergab sehr unterschiedlich differenzierte Konzepte. Kinder mit reichen Vorerfahrungen entwickelten sich im Unterricht kaum weiter, Kinder mit weniger entwickelten Konzepten dagegen vor allem bei Einheiten, Bezugswissen und dem Umgang mit Waagen. Daraus folgt: Vergleichs- und Wiegeerfahrungen gehören an den Schulbeginn, nicht erst in die dritte Schulstufe.
Wie das gelingen kann, zeigt ein australisches Designexperiment mit 119 Kindern der ersten beiden Schuljahre (Cheeseman et al., 2014). In fünf handlungsorientierten Einheiten mit Balkenwaagen, selbstgewählten und standardisierten Einheiten entwickelte sich die Mehrheit der Kinder vom Messen mit nicht standardisierten Einheiten zum sicheren Einsatz von Standardeinheiten und Waagen. Beim Schätzen von Massen hilft zudem eine klare Stützpunktarbeit: Eine Packung Mehl wiegt 1 kg, eine Tafel Schokolade 100 g. Schon Fünf- bis Siebenjährige, die zum ersten Mal mit einer hängenden Balkenwaage experimentieren, finden selbst heraus, wie sie funktioniert, und argumentieren dabei mathematisch; Cheeseman et al. (2017) betonen, wie wichtig es ist, genau auf das zu achten, was Kinder bemerken, und Vergleichswörter wie „schwerer“ und „leichter“ präzise zu verwenden. Dass Stützpunkte für Massen gezielt trainierbar sind, belegen Peters et al. (2025) mit ihrer digitalen Lernumgebung.
Hohlmaße und Fassungsvermögen
Liter und Milliliter werden in der Volksschule oft nur beiläufig behandelt. Die Schätzforschung zeigt, dass gerade hier die größten Unsicherheiten liegen: Fassungsvermögen und Rauminhalte schätzen Kinder deutlich ungenauer als Längen (Weiher, 2023). Heid (2018) zeigte in Interviews mit Viertklässler\innen, dass genaues Schätzen von Fassungsvermögen an flexible mentale Vergleiche mit Stützpunkten gebunden ist — und dass genau dieser mentale Vergleich vielen Kindern schwerfällt. Umschüttversuche zwischen hohen, schmalen und niedrigen, breiten Gefäßen sind daher kein Kindergartenspiel, sondern Grundlage für ein tragfähiges Volumenverständnis. Eine Interventionsstudie aus Taipeh stützt das: Fünftklässler\innen, deren Unterricht Volumenmessung mit geometrischem Wissen verband, lösten anschließend auch Aufgaben zum Fassungsvermögen besser; das Vorwissen zum Rauminhalt erwies sich als entscheidend (Huang & Wu, 2019).
Zwischenfazit
Zeit, Geld und Masse teilen ein Merkmal: Ihre Repräsentanten sind nicht direkt anschaulich. Unterricht muss deshalb andere Sinne ansprechen — den Körper bei der Zeit, die Hand bei der Masse, das Handeln beim Geld. Wo Alltagserfahrungen fehlen, ist Schule der Ort, an dem sie nachgeholt werden müssen.
Literatur (Zeit, Geld, Masse)
Boulton-Lewis, G., Wilss, L., & Mutch, S. (1997). Analysis of primary school children's abilities and strategies for reading and recording time from analogue and digital clocks. Mathematics Education Research Journal, 9(2), 136–151. https://doi.org/10.1007/BF03217308
Burny, E., Valcke, M., & Desoete, A. (2009). Towards an agenda for studying learning and instruction focusing on time-related competences in children. Educational Studies 35(5), 481–492. https://doi.org/10.1080/03055690902879093
Burny, E., Valcke, M., & Desoete, A. (2012). Clock Reading: An Underestimated Topic in Children With Mathematics Difficulties. Journal of Learning Disabilities 45(4), 351–360. https://doi.org/10.1177/0022219411407773
Cheeseman, J., McDonough, A., & Ferguson, S. (2014). Investigating young children's learning of mass measurement. Mathematics Education Research Journal, 26, 131–150. https://doi.org/10.1007/s13394-013-0082-7
Cheeseman, J., McDonough, A., & Golemac, D. (2017). Investigating Children's Thinking About Suspended Balances. New Zealand Journal of Educational Studies, 52(1), 143–158. https://doi.org/10.1007/s40841-016-0073-9
Duong, S., Elliott, L. E., Sidoti, O., Bachman, H. J., Libertus, M. E., & Votruba-Drzal, E. (2024). Money talks! The role of parents' discussion of money for preschoolers' math knowledge. Journal of Numerical Cognition, 10, e11351. https://doi.org/10.5964/jnc.11351
Earnest, D. (2017). Clock Work: How Tools for Time Mediate Problem Solving and Reveal Understanding. Journal for Research in Mathematics Education 48(2), 191–223. https://doi.org/10.5951/jresematheduc.48.2.0191
Earnest, D., & Chandler, J. (2021). Making Time: Words, Narratives, and Clocks in Elementary Mathematics. Journal for Research in Mathematics Education 52(4), 407–443. https://doi.org/10.5951/jresematheduc-2021-0020
Franke, M., & Ruwisch, S. (2010). Didaktik des Sachrechnens in der Grundschule. Spektrum Akademischer Verlag (Springer), Reihe Mathematik Primarstufe und Sekundarstufe I + II. https://doi.org/10.1007/978-3-8274-2695-6
Friedman, W. J., & Laycock, F. (1989). Children's Analog and Digital Clock Knowledge. Child Development 60(2), 357–371. https://doi.org/10.2307/1130982
Grassmann, M., Klunter, M., Köhler, E., Mirwald, E., Raudies, M., & Thiel, O. (2008). Kinder wissen viel – auch über die Größe Geld? Teil 3. Universitätsverlag Potsdam (Potsdamer Studien zur Grundschulforschung, 34). https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:kobv:517-opus-16597
Hawani, A., Masmoudi, L., Trabelsi, O., Souissi, M. A., Chikha, A. B., Mrayah, M., Souissi, N., Marsigliante, S., Rozmiarek, M., & Muscella, A. (2023). Enhancing Time Reading and Recording Skills in First-Grade Children with Learning Difficulties Using the “Clock Motor Game”. Children (MDPI), 10(11), 1748. https://doi.org/10.3390/children10111748
Heid, L.-M. (2018). Das Schätzen von Längen und Fassungsvermögen. Eine Interviewstudie zu Strategien mit Kindern im 4. Schuljahr. Springer Spektrum (Perspektiven der Mathematikdidaktik). https://doi.org/10.1007/978-3-658-18874-0
Huang, H.-M. E., & Wu, H.-Y. (2019). Supporting Children's Understanding of Volume Measurement and Ability to Solve Volume Problems: Teaching and Learning. EURASIA Journal of Mathematics, Science and Technology Education, 15(12). https://doi.org/10.29333/ejmste/109531
Kamii, C., & Russell, K. A. (2012). Elapsed Time: Why Is It So Difficult to Teach?. Journal for Research in Mathematics Education 43(3), 296–315. https://doi.org/10.5951/jresematheduc.43.3.0296
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Reuter, D. (2011). Kindliche Konzepte zur Größe Gewicht und ihre Entwicklung. Theoretische Modellierung und zwei Einzelfallstudien mit Drittklässlern. Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin. https://edoc.hu-berlin.de/items/703898d8-3ffd-4895-b1ed-13d5cc1798cd
Thiel, O. (2008). Zur Bedeutung von Alltagserfahrungen mit Geld für die Entwicklung arithmetischer Kompetenzen. In J. Ramseger & M. Wagener (Hrsg.), Chancenungleichheit in der Grundschule (S. 215–218). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91108-3_40
Thomas, M., Clarke, D. M., McDonough, A., & Clarkson, P. C. (2023). Assessing students' understanding of time concepts in Years 3 and 4: insights from the development and use of a one-to-one task-based interview. Mathematics Education Research Journal 35(Suppl. 1), 1–22. https://doi.org/10.1007/s13394-023-00451-3
van Bommel, J., & Walla, M. (2025). Teaching and Learning of Time in Early Mathematics Education: A Systematic Literature Review. Education Sciences 15(8), 1003. https://doi.org/10.3390/educsci15081003
Weiher, D. F. (2023). Das Schätzen von Längen, Flächeninhalten, Fassungsvermögen und Rauminhalten. Entwicklung und Auswertung eines Schätztests für Kinder der vierten, fünften und sechsten Klasse. Dissertation, Leuphana Universität Lüneburg. https://pubdata.leuphana.de/server/api/core/bitstreams/1daa1213-b183-41a1-8a8a-4efa165f5eaf/content
Winter, H. (1985). Sachrechnen in der Grundschule. Problematik des Sachrechnens, Funktionen des Rechnens, Unterrichtsprojekte. CVK Bielefeld (2. Aufl. 1992, Cornelsen Scriptor). https://books.google.com/books/about/Sachrechnen_in_der_Grundschule.html?id=3uNjbwAACAAJ
7. Kreative Wege: Lernumgebungen, Materialien und originelle Umsetzungen
Kreativität mit Fundament
Kreativer Größenunterricht ist kein Bastelprogramm. Er lebt davon, dass die fachlichen Kernideen — Vergleichen, Einheit, Iteration, Stützpunkt — in Situationen auftauchen, die Kinder wirklich beschäftigen. Winter (1985) hat dem Sachrechnen drei Funktionen zugeschrieben: Es ist Lernstoff, Lernprinzip und Beitrag zur Umwelterschließung. Kreative Zugänge setzen vor allem bei der dritten Funktion an. Sie holen die Welt ins Klassenzimmer oder schicken die Kinder hinaus in die Welt. Krauthausen (2018) betont dafür das Prinzip substanzieller Lernumgebungen: Aufgaben mit einfachem Einstieg, mathematischer Tiefe und Raum für unterschiedliche Lösungswege.
Die folgenden Zugänge sind nach ihrem Kern geordnet: Geschichten, Spiel, Körper, Raum, Modellieren, digitale Werkzeuge. Jede Idee ist an Forschungsbefunde rückgebunden, damit der kreative Anspruch nicht auf Kosten des Verstehens geht.
Geschichten und Bilderbücher
Bilderbücher erzeugen Größenfragen, ohne sie zu stellen. Wer ist größer, der Riese oder der Turm? Passt der Elefant durch die Tür? Van den Heuvel-Panhuizen und Elia (2011) untersuchten Längenmessleistungen niederländischer Kindergartenkinder und die Wirkung eines Vorleseprogramms mit Bilderbüchern. Eine größere Folgestudie mit 384 Kindern aus 18 Gruppen fand einen positiven Effekt auf einen Test zu Zahl, Messen und Geometrie; der Zuwachs lag in der Experimentalgruppe um 22 % über jenem der Kontrollgruppe — bei bloßem Vorlesen, ohne zusätzliche Instruktion (van den Heuvel-Panhuizen et al., 2016). Der Effekt ist klein (d = .13), aber für einen so einfachen Eingriff beachtlich.
Einen Schritt weiter geht die Conceptual PlayWorld. Chen et al. (2025) nutzten Imaginationsspiel am Übergang vom Kindergarten zur Schule: Die Lehrperson dramatisierte ein mathematisches Problem innerhalb einer Spielgeschichte, und die Kinder verglichen Längen und maßen mit selbstgewählten Einheiten, um der Figur zu helfen. Die Geschichte schafft einen Grund zu messen. Im Unterricht der ersten Schulstufe lässt sich das leicht übertragen: Ein Zwerg braucht ein Bett, ein Drache eine Höhle, ein Schneckenhaus muss für ein Rennen vermessen werden.
Spiel und Bewegung
Größen lassen sich mit dem Körper erfahren. Das Uhrenspiel, in dem Kinder mit Armen und Körpern Zeiger und Zifferblatt bilden, verbesserte bei Erstklässler\*innen mit Lernschwierigkeiten das Lesen und Notieren von Uhrzeiten deutlich (Hawani et al., 2023). Davidsen und Ryberg (2017) zeigten, wie Kinder über Gesten aushandeln, wie groß ein Meter ist. Daraus lassen sich einfache Rituale ableiten: der „Meter-Tanz“ mit ausgebreiteten Armen, das Abschreiten der Klasse, die Minute Stille mit geschlossenen Augen, nach der jedes Kind schätzt, wann sie vorbei war.
Ebenso wirkungsvoll ist das Selbstbauen von Messgeräten. Wer ein Lineal aus Papierstreifen und Einheitenplättchen konstruiert, versteht, was die Zahlen darauf bedeuten (Gómezescobar, 2025). Dasselbe gilt für eine Balkenwaage aus Kleiderbügel und Bechern, eine Sanduhr aus Plastikflaschen oder ein Messgefäß, dessen Skala die Kinder durch Einfüllen von Bechern selbst markieren. Solche Werkzeuge verkörpern das Prinzip des Messens sichtbarer als jedes gekaufte Gerät.
Messen im Raum: Mathe-Trails und Schätzspaziergänge
Weiher und Heil (2024) fordern, Schätzen aus der Enge des Tisches zu befreien. Der Schulhof, das Schulgebäude, der Weg zur Turnhalle bieten Schätz- und Messanlässe in allen Größenordnungen. Mathe-Trails bündeln solche Aufgaben zu einem Rundgang. Mit der Plattform MathCityMap entwerfen Lehrer\*innen Aufgaben zu realen Objekten, die Lernenden lösen sie in Gruppen per App und erhalten sofort Rückmeldung (Cahyono & Ludwig, 2019). Eine Studie mit 77 Lernenden der dritten bis achten Schulstufe fand bereits ab der dritten Schulstufe eine hohe Akzeptanz der App (Jablonski et al., 2026). Typische Aufgaben: Wie hoch ist der Brunnen? Wie viele Pflastersteine liegen auf dieser Fläche? Wie lange braucht ihr, um einmal um das Schulhaus zu gehen?
Ein Trail muss nicht digital sein. Ein laminierter Plan mit fünf Stationen, ein Maßband, ein Messrad und eine Stoppuhr reichen aus. Wichtig ist der Dreischritt: erst schätzen und die Schätzung begründen, dann messen, dann über die Abweichung sprechen.
Fermi-Aufgaben: Modellieren mit Größen
„Wie viele Kinder sind zusammen so schwer wie ein Eisbär?“ „Wie viel Papier verbraucht eure Schule in einem Monat?“ Solche Fragen stammen aus einer vierjährigen Studie von Peter-Koop (2005) mit Kindern der dritten und vierten Schulstufe. Fermi-Aufgaben verlangen, fehlende Größen zu schätzen, Stützpunkte zu aktivieren und Teilprobleme zu verknüpfen. Die Kinder arbeiteten dabei in Kleingruppen kooperativ und entwickelten eigenständige Modellierungswege. Ferrando und Albarracín (2021) ließen 104 Lernende von der zweiten bis zur zehnten Schulstufe schätzen, wie viele Menschen auf den Schulhof passen. Schon Zweitklässler\*innen entwickelten tragfähige Modelle, etwa durch Auslegen und Zählen; mit dem Alter nahmen Flächen- und Dichtemodelle zu.
Fermi-Aufgaben sind auch für heterogene Klassen geeignet. Flottmann (2024) untersuchte sie im inklusiven Grundschulunterricht und beschreibt, wie Kinder mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen am gemeinsamen Gegenstand eigene Schätz-, Mess- und Rechenwege entwickeln. Die Offenheit der Aufgabe ist hier kein Risiko, sondern die Voraussetzung für Partizipation.
Digitale Werkzeuge: mit Bedacht
Digitale Medien bieten neue Zugänge: virtuelle Einheitenraster, die per Augmented Reality über reale Flächen gelegt werden (Flavin et al., 2025), oder Lernumgebungen, die Schätzstrategien mit ausgearbeiteten Beispielen fördern (Peters et al., 2025). Die Masse des Angebots ist jedoch ernüchternd. Walter und Schwätzer (2023) analysierten 227 Mathematik-Apps für die Grundschule: Größen und Messen kommt nur in etwa jeder fünften App vor, die meisten Apps sind repetitive Übungstrainer, und nur 6,6 % geben informatives Feedback. Digitale Werkzeuge sollten daher gezielt ausgewählt werden und das Handeln mit realen Objekten ergänzen, nicht ersetzen.
Arbeitsblätter und Materialien
Arbeitsblätter haben im Größenunterricht einen zweifelhaften Ruf, oft zu Recht: Umwandlungskolonnen, Uhrzeiten zum Ankreuzen, Rechnungen mit Einheiten. Gute Materialien sehen anders aus. Das Projekt PIKAS der TU Dortmund stellt frei verfügbare Lernumgebungen, Diagnoseaufgaben und Differenzierungshinweise bereit, deren Leitziel tragfähige Größenvorstellungen durch Schätzen, Messen und Vergleichen in realen Kontexten sind (PIKAS-Team, 2024). In Österreich hat das steirische Fortbildungs- und Forschungsprojekt „Straße der Maße“ der PPH Augustinum seit 2017 mehr als 650 Lehrpersonen erreicht; die begleitende Didaktik stellt zu jeder Stufe des Größenerwerbs Beispiele für produktives Üben bereit und legt den Schwerpunkt auf selbst aufgebaute Stützpunktvorstellungen, etwa in einem persönlichen Stützpunkteheft (Schütky & Haider, 2018; Schütky, 2023). Koch (2025) zeigt, wie anschauliches Sachrechnen mit Längen so gestaltet werden kann, dass Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen teilhaben.
Aus Forschung und Praxis lassen sich Kriterien für ein gutes Arbeitsblatt zu Größen ableiten:
- Handlung vor Notation: Das Blatt verlangt zuerst zu messen, zu schätzen oder zu vergleichen, bevor etwas notiert wird.
- Stützpunkte sichtbar machen: Kinder tragen eigene Repräsentanten ein, etwa „So lang wie mein Fuß“.
- Schätzen und Prüfen koppeln: Eine Spalte für die Schätzung, eine für die Messung, eine für die Abweichung.
- Irritation einbauen: Ein verschobenes Objekt am Lineal, zwei gleich schwere, aber verschieden große Pakete.
- Offene Fragen: „Finde drei Dinge, die ungefähr 1 kg wiegen“ statt „Wandle um“.
- Rückmeldung ermöglichen: Selbstkontrolle über Messung statt über ein Lösungsblatt.
Ideen für die Praxis
Aus den Befunden lässt sich ein Repertoire origineller Unterrichtsideen gewinnen, das jeweils eine didaktische Kernidee trägt:
- Das Stützpunkt-Museum: Die Klasse sammelt Gegenstände, die genau 1 m, 1 kg, 1 l oder 1 min „groß“ sind, beschriftet sie und stellt sie aus.
- Die Größen-Detektive: Kinder fotografieren im Schulhaus Dinge, die ungefähr so lang sind wie ein Meter, und begründen ihre Wahl.
- Der Riese im Klassenzimmer: Ein Riesen-Fußabdruck auf dem Boden führt zur Frage, wie groß der Riese sein muss — ein Einstieg in Verhältnisse.
- Die Zeitreise: Kinder planen einen Schultag minutengenau, schätzen Dauern und überprüfen sie mit der Stoppuhr.
- Die Klassenkassa: Ein Klassenflohmarkt mit echtem Wechselgeld macht Geldwerte, Bündeln und Stellenwert erfahrbar.
- Das Umschütt-Labor: Hohe, flache, schmale und breite Gefäße werden geschätzt, umgefüllt und geordnet.
- Das Körper-Lineal: Jedes Kind vermisst seine Handspanne, seinen Schritt und seine Armspanne und nutzt sie als persönliche Messwerkzeuge.
Diese Ideen sind keine Rezepte. Ihr Wert liegt darin, dass sie Anlass zum Denken geben: Warum ist das Gefäß mit dem höheren Wasserstand nicht voller? Warum stimmt meine Schätzung am Schulhof nicht, im Klassenzimmer aber schon?
Literatur (Kreative Wege)
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8. Diagnose, Fehlvorstellungen, Sprache und Vielfalt
Fehler als Fenster ins Denken
Wenn ein Kind beim Messen mit dem Lineal bei 1 beginnt, ist das kein Flüchtigkeitsfehler. Es zeigt, wie das Kind das Werkzeug deutet: als Zahlenreihe, an der man eine Position abliest, nicht als Kette von Einheiten, die man zählt. Fehler im Größenbereich sind selten zufällig. Sie folgen Mustern, und diese Muster verraten, welches Teilkonzept noch fehlt.
Typische Fehlvorstellungen
Die Forschung hat eine Reihe solcher Muster gut dokumentiert:
- Endpunkt ablesen statt Intervalle zählen: Liegt ein Objekt nicht bündig am Nullpunkt, lesen Kinder den Endwert ab oder zählen Striche statt Zwischenräume (Solomon et al., 2015). Bofferding et al. (2022) zeigten mit fehlerhaften Lösungsbeispielen bei Erst- und Drittklässler\*innen, wie beständig diese Vorstellungen über die Zeit sind.
- Lücken und Überlappungen: Beim Auslegen mit Einheiten entstehen Zwischenräume oder Überschneidungen, ohne dass Kinder dies als Problem erkennen (Nührenbörger, 2002; Sarama et al., 2011).
- Fehlende Einheitsiteration: Viele Kinder verstehen erst um die vierte Schulstufe, dass eine Einheit wiederholt abgetragen werden kann (Kamii & Clark, 1997).
- Unstrukturiertes Zählen bei Flächen und Körpern: Randquadrate werden doppelt gezählt, Würfelgebäude als Ansammlung sichtbarer Flächen behandelt (Battista et al., 1998; Battista & Clements, 1996). Ein eingezeichnetes Würfelraster hilft Kindern, konzeptuell passende Strategien zu wählen (Vasilyeva et al., 2013).
- Verwechslung von Fläche und Umfang: Formelwissen ohne Verständnis führt zu Vertauschungen, die sich bis in die Sekundarstufe halten (Tan Sisman & Aksu, 2016).
- Nicht koordinierte Zeiteinheiten: Bei Zeitspannen wie 8:30 bis 11:00 Uhr rechnen Kinder Stunden und Minuten getrennt (Kamii & Russell, 2012).
- Münzen zählen statt Werte addieren: Schulanfänger\*innen zählen Münzen unabhängig von ihrem Wert (Grassmann et al., 2008).
Hinzu kommt das Umwandeln. Ein Praxistext des Wiener Recheninstituts beschreibt es (Lassnitzer & Gaidoschik, 2019) für viele Kinder als „Glücksspiel“: Nullen werden angehängt oder gestrichen, später das Komma verschoben, ohne Bezug zur Größe. Schematische Übungsblöcke mit nur einer Umwandlungsrichtung erzeugen Scheinregeln. Die Autor\*innen empfehlen, das Umwandeln später einzuführen und die gewonnene Zeit für Messhandlungen, Stützpunkte und Schätzaufgaben zu nutzen. Dass eine größere Einheit eine kleinere Maßzahl ergibt, ist eine eigene begriffliche Hürde, die Lehrer (2003) als inverse Beziehung zwischen Einheitsgröße und Maßzahl beschreibt.
Diagnostische Instrumente
Für den deutschsprachigen Raum ist das ElementarMathematische BasisInterview (EMBI) zu Größen und Messen ein etabliertes Werkzeug (Wollring et al., 2011). Es ist ein materialgestütztes Einzelinterview: Die Kinder handeln mit Gegenständen und erklären ihr Vorgehen. So werden Vorerfahrungen, Denkwege und der Entwicklungsstand sichtbar — etwa ob ein Kind direkt, indirekt oder mit Einheiten vergleicht.
In Österreich liegt mit den Größen- und Einheiten-Tests (GET) eine normierte Testreihe vom Ende des Kindergartens bis in die Sekundarstufe vor (Schütky & Schaupp, 2020); Schütky (2023) beschreibt ihren Einsatz für die Schulstufen eins bis vier. Die fünf Skalen erfassen unter anderem Größenvorstellungen im Alltag, Messen, Modellvorstellungen und Umrechnen und sind ausdrücklich auf Förderung ausgerichtet. Für die Zeit liegt mit dem Interview von Thomas et al. (2023) ein Instrument vor, das über das Uhrenlesen hinaus Zeitbewusstsein, Abfolge und Dauer erfasst.
Diagnose ist allerdings keine Frage des Instruments allein. Philipp und Gobeli-Egloff (2022) zeigten in einer Schweizer Studie mit 181 angehenden Primarlehrer\innen, dass sich die Fähigkeit, Stärken und Schwächen von Kindern im Bereich Größen zu erkennen, gezielt und nachhaltig fördern lässt. Eine qualitative Analyse der Diagnosen zeigte, worauf die Studierenden zurückgriffen: auf fachbezogenes Wissen über Größen oder auf Informationen aus der konkreten Situation. Für die Lehrer\innenbildung ist das ein wichtiger Hinweis: Diagnostische Kompetenz braucht fachdidaktisches Wissen über Größen. Auch die Handreichung des Bildungsministeriums zu Rechenschwierigkeiten nennt Größen ausdrücklich als Beobachtungsfeld — etwa mit den Fragen, ob ein „Modellverständnis der Maßeinheiten“ vorhanden ist und ob das Kind Größen „realistisch einschätzen“ kann (BMBWF, 2023c).
Von der Diagnose zur Förderung
Wie eng Diagnose und Förderung zusammenhängen können, zeigen Kwon et al. (2024). Ein Training von weniger als zehn Minuten, in dem Kinder verschobene Objekte maßen und korrigierende Rückmeldung erhielten, überwand die Ablesefehlvorstellung. Wurden zusätzlich Einheitenplättchen auf das Lineal gelegt, verlief das Lernen schneller und hielt länger an. Sarama et al. (2021a) belegen, dass Förderung wirksamer ist, wenn sie knapp über dem aktuellen Denkniveau ansetzt.
Das Prinzip lässt sich auf alle Größenbereiche übertragen: Zuerst das Denkniveau erfassen, dann eine Situation schaffen, in der die bisherige Vorstellung nicht mehr trägt, schließlich eine tragfähigere Deutung gemeinsam entwickeln. Die Irritation ist dabei das zentrale Werkzeug.
Sprache und Größen
Größen werden sprachlich verhandelt. „Länger“, „kürzer“, „höher“, „breiter“, „schwerer“, „dauert länger“ — jedes dieser Wörter verweist auf eine andere Dimension. Ferry et al. (2025) ließen 140 englischsprachige Kinder zwischen drei und acht Jahren Türme nach Vergleichswörtern bauen. „Bigger“ verstanden die Kinder früh, negative Pole wie „smaller“ oder „shorter“ erst später; die dimensionsspezifische Bedeutung von „taller“ bildete sich zuletzt heraus. Übertragen auf den Unterricht heißt das: Vergleichswörter sollten explizit und bezogen auf die jeweilige Dimension eingeführt werden.
Wie eng Sprache und Mathematik zusammenhängen, zeigt eine Metaanalyse über 49 Studien mit rund 12.700 Kindern: Mathematikspezifische Sprache — quantitative, räumliche und relationale Begriffe — hängt moderat bis deutlich mit mathematischen Fähigkeiten zusammen (r = .50; Zhu et al., 2026). Meyer und Tiedemann (2017) unterscheiden Alltags-, Bildungs- und Fachsprache und leiten daraus Grundsätze eines sprachsensiblen Mathematikunterrichts ab. Für den Größenbereich besonders heikel ist die Zeitsprache. Relative Angaben wie „viertel drei“ oder „dreiviertel drei“ sind regional verschieden gebräuchlich und für Kinder mit anderer Erstsprache schwer zu entschlüsseln. Dass relative und präzise Zeitangaben unterschiedliche Deutungen des Zifferblatts auslösen, ist für das Englische belegt (Earnest & Chandler, 2021).
Für Österreich gibt es dazu einen seltenen empirischen Befund. Schütky (2022) testete 500 Kinder der dritten Schulstufe in der Steiermark, von denen 52,7 % einen Migrationshintergrund hatten, mit dem GET. Das Herkunftsland erklärte über Intelligenz, Leseverständnis, Selbstkonzept und sozioökonomischen Status hinaus zusätzliche 6 % der Varianz in der Größenkompetenz. Kinder ohne Migrationshintergrund schnitten besser ab als Kinder aus Bosnien, Kroatien und Serbien (g = 0,71), diese wiederum besser als Kinder türkisch-kurdischer Herkunft (g = 0,70). Kinder mit Migrationshintergrund sind im Bereich Größen also keine einheitliche Gruppe. Studien, die gezielt den Erwerb von Größenbegriffen im Deutschen als Zweitsprache untersuchen, fehlen dennoch weitgehend — eine Lücke, die für Österreich mit seinem hohen Anteil mehrsprachiger Volksschulkinder schwer wiegt. Leistungsunterschiede nach Geschlecht, sozialer Herkunft und Migrationshintergrund überlagern einander (Kollmayer & Bürger, 2024).
Heterogenität und Inklusion
Kinder kommen mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen in den Größenunterricht. Wer zu Hause backt, einkauft oder mit Maßband und Waage hantiert, bringt andere Voraussetzungen mit als ein Kind, dem solche Erfahrungen fehlen (Thiel, 2008). Bei Kindern mit Rechenschwierigkeiten zeigen sich besonders beim Uhrenlesen deutliche Rückstände (Burny et al., 2012).
Inklusiver Größenunterricht setzt auf den gemeinsamen Gegenstand. Koch (2025) untersuchte, wie Sachrechensituationen mit Längen gestaltet werden können, damit Kinder mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen teilhaben. Flottmann (2024) zeigte dasselbe für Fermi-Aufgaben. Das Bewegungsspiel zum Uhrenlesen, das bei Erstklässler\*innen mit Lernschwierigkeiten wirkte (Hawani et al., 2023), belegt zudem, dass verkörperte Zugänge gerade schwächeren Kindern helfen können.
Literatur (Diagnose und Sprache)
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9. Herausforderungen, Grenzen und kritische Perspektiven
Die Zeitfalle
Verständnisorientierter Größenunterricht kostet Zeit. Messen mit selbstgewählten Einheiten, Schätzspaziergänge, Umschütt-Labore und Fermi-Aufgaben brauchen Stunden, die im Jahresplan knapp sind. Mathematik hat in der Volksschule vier Wochenstunden, und die Größen teilen sie sich mit Zahlen, Operationen und Geometrie. Die Versuchung liegt nahe, abzukürzen: Einheiten einführen, Umwandlungstabellen üben, Sachaufgaben rechnen. Die Befunde zeigen, wohin das führt. Kinder, die Formeln ohne Strukturverständnis anwenden, verwechseln Fläche und Umfang noch in der Sekundarstufe (Tan Sisman & Aksu, 2016), und formelorientierter Flächenunterricht bleibt deutlich hinter konzeptorientiertem zurück (Zacharos, 2006). Die Zeit, die man am Anfang spart, fehlt später doppelt.
Lassnitzer und Gaidoschik (2019) ziehen daraus eine klare Konsequenz: das Umwandeln später einführen und die gewonnene Zeit in Messhandlungen und Stützpunkte investieren. Das steht in einem gewissen Spannungsverhältnis zum Lehrplan, der Umrechnungen ab der dritten Schulstufe verlangt (BMBWF, 2023a). Lehrer\*innen müssen hier abwägen — und brauchen dafür fachdidaktisch fundiertes Selbstvertrauen.
Schulbücher und Arbeitsblätter
Ein großer Teil des Unterrichts folgt dem Schulbuch. Wie Größen dort aufbereitet sind, entscheidet mit darüber, ob Kinder messen oder nur rechnen. Eine Vergleichsstudie chinesischer, japanischer und malaysischer Schulbücher zeigte deutliche Unterschiede in Aufgabentypen, Übungsumfang pro Denkniveau und Instruktionsabfolge beim Längenmessen (Solis & Isoda, 2022). Für österreichische Schulbücher fehlt eine vergleichbare systematische Analyse. Das ist eine Forschungslücke mit unmittelbarer Praxisrelevanz: Wie viele Seiten widmen approbierte Schulbücher dem Vergleichen und Messen, wie viele dem Umwandeln?
Ähnlich kritisch ist der Blick auf digitale Angebote. Nur etwa jede fünfte Mathematik-App für die Grundschule behandelt Größen überhaupt, und die Mehrzahl beschränkt sich auf Drill (Walter & Schwätzer, 2023). Digitale Werkzeuge versprechen Anschaulichkeit, liefern aber oft das Gegenteil: Größen, die man nicht in die Hand nehmen kann.
Veränderte Lebenswelten
Einige Größenbereiche verlieren im Alltag der Kinder an Sichtbarkeit. Thiel (2008) wies schon früh darauf hin, dass Kinder seltener selbst einkaufen und bargeldlos bezahlt wird; seither hat sich diese Entwicklung verstärkt. Wenn Geld im Alltag zu einer Zahl auf einem Display wird, fehlen die Handlungserfahrungen mit Münzen, Scheinen und Wechselgeld. Ähnliches gilt für die analoge Uhr, die in vielen Haushalten durch digitale Anzeigen ersetzt ist. Digitales Ablesen fällt Kindern leichter (Friedman & Laycock, 1989), doch die analoge Uhr macht Zeitspannen und das Verhältnis von Stunden und Minuten sichtbar. Schule muss hier ausgleichen, was die Lebenswelt nicht mehr von selbst bietet — und steht zugleich vor der Frage, welche Größenerfahrungen künftig tatsächlich alltagsrelevant sind.
Soziale Ungleichheit
Größenkompetenzen sind ungleich verteilt. Wer zu Hause backt, baut, einkauft und misst, kommt mit anderen Voraussetzungen in die Schule (Thiel, 2008; Grassmann et al., 2008). Die österreichischen Daten zeigen, dass das Herkunftsland über Intelligenz, Lesen und sozioökonomischen Status hinaus zur Erklärung der Größenkompetenz beiträgt (Schütky, 2022), und die iKMPLUS weist deutliche Unterschiede zwischen Schulen mit unterschiedlicher sozialer Zusammensetzung aus (IQS, 2026). Da Mathematik und Sprache eng zusammenhängen (Zhu et al., 2026), sind Kinder mit geringen Deutschkenntnissen im Größenbereich doppelt gefordert: Sie müssen Vergleichswörter, Einheitenbezeichnungen und relative Zeitsprache gleichzeitig mit den mathematischen Konzepten erwerben.
Grenzen der Forschungslage
Wer den Forschungsstand ehrlich bilanziert, stößt auf mehrere Grenzen.
Messen bleibt unterbeforscht. Smith et al. (2011) stellten fest, dass Messen im Vergleich zu Zahl und Algebra wenig Forschungsaufmerksamkeit erhält. Trotz der Fortschritte seither gilt das für manche Größenbereiche weiterhin. Das Review von van Bommel und Walla (2025) zeigt für die Zeit, dass sich die meisten Studien auf das Uhrenlesen beschränken. Zu Geld gibt es kaum aktuelle empirische Studien in der Primarstufe.
Viele Befunde stammen aus anderen Ländern und Altersstufen. Die Learning Trajectories wurden überwiegend in den USA mit Kindergarten- und jungen Grundschulkindern entwickelt (Clements & Sarama, 2021; Sarama et al., 2021a). Einige Studien zu Schätzen und Masse betreffen die fünfte Schulstufe (Peters et al., 2025; Weiher, 2023). Die Übertragung auf österreichische Volksschulen ist plausibel, aber nicht direkt belegt.
Viele Studien sind klein. Qualitative Fallstudien und Lehrexperimente liefern wertvolle Einsichten in kindliches Denken, erlauben aber keine Aussagen über Wirksamkeit im Regelunterricht. Die AR-Studie von Flavin et al. (2025) umfasst drei Kinder, die Teaching Experiments von Barrett et al. (2012) acht. Randomisierte Studien sind selten.
Österreich berichtet weniger differenziert. Die Standardüberprüfungen 2013 und 2018 wiesen Ergebnisse für den Inhaltsbereich Größen aus. Die iKMPLUS berichtet dagegen keine Ergebnisse nach Inhaltsbereichen mehr (IQS, 2026). Damit fehlt ein wichtiges Monitoring-Instrument für einen Bereich, der jahrelang als relative Schwäche galt.
Kreativität als Risiko?
Schließlich eine unbequeme Frage an diesen Beitrag selbst: Können kreative Umsetzungen das Verstehen auch verstellen? Ein Mathe-Trail kann zur Schnitzeljagd werden, bei der das Finden der nächsten Station wichtiger ist als das Schätzen. Ein Bilderbuch kann unterhalten, ohne eine einzige Größenfrage auszulösen. Der Effekt des Bilderbuchvorlesens ist messbar, aber klein (van den Heuvel-Panhuizen et al., 2016). Kreative Zugänge entfalten ihren Wert nur, wenn die Lehrperson die mathematische Kernidee im Blick behält und im Gespräch sichtbar macht. Die Methode ist kein Ersatz für fachdidaktisches Wissen, sondern setzt es voraus.
Literatur (Herausforderungen)
Barrett, J. E., Sarama, J., Clements, D. H., Cullen, C., McCool, J., Witkowski-Rumsey, C., & Klanderman, D. (2012). Evaluating and Improving a Learning Trajectory for Linear Measurement in Elementary Grades 2 and 3: A Longitudinal Study. Mathematical Thinking and Learning, 14(1), 28–54. https://doi.org/10.1080/10986065.2012.625075
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung. (2023a). Lehrplan der Volksschule (Anlage A zur Verordnung BGBl. II Nr. 1/2023): Neunter Teil – Mathematik (1. bis 4. Schulstufe) und Achter Teil – Mathematische Früherziehung (Vorschulstufe). Bundesgesetzblatt für die Republik Österreich, BGBl. II Nr. 1/2023 (RIS). https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/BgblAuth/BGBLA_2023_II_1/Anlagen_0001_CE7F0AA2_A925_4A4D_8C3C_355D12BD22D1.pdfsig
Clements, D. H., & Sarama, J. (2021). Learning and Teaching Early Math: The Learning Trajectories Approach (3rd ed.). Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003083528
Flavin, E., Chung, M. Y., Hwang, S., & Flavin, M. (2025). Augmented reality for area measurement reasoning of elementary students. Educational Technology Research and Development, 73, 2663–2697. https://doi.org/10.1007/s11423-025-10502-0
Friedman, W. J., & Laycock, F. (1989). Children's Analog and Digital Clock Knowledge. Child Development 60(2), 357–371. https://doi.org/10.2307/1130982
Grassmann, M., Klunter, M., Köhler, E., Mirwald, E., Raudies, M., & Thiel, O. (2008). Kinder wissen viel – auch über die Größe Geld? Teil 3. Universitätsverlag Potsdam (Potsdamer Studien zur Grundschulforschung, 34). https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:kobv:517-opus-16597
van den Heuvel-Panhuizen, M., Elia, I., & Robitzsch, A. (2016). Effects of reading picture books on kindergartners' mathematics performance. Educational Psychology, 36(2), 323–346. https://doi.org/10.1080/01443410.2014.963029
Institut des Bundes für Qualitätssicherung im österreichischen Schulwesen. (2026). Bundesergebnisbericht iKMPLUS Primarstufe, 1. Zyklus (2023–2025). IQS, Salzburg. https://doi.org/10.17888/ikmplus-prim-beb-2023-2025
Lassnitzer, E., & Gaidoschik, M. (2019). Größen: Messen – Schätzen – Umwandeln. Sicherheit durch Begreifen – Anregungen für einen verständnisorientierten Unterricht. Recheninstitut zur Förderung mathematischen Denkens, Wien. http://www.recheninstitut.at/mathematische-lernschwierigkeiten/fordertips/umwandeln-von-maseinheiten/
Peters, N., Prediger, S., & Weiss, J. (2025). Fostering Students' Measurement Estimation Skills in a Digital Teaching-Learning Environment: A Class-Wise Randomized Controlled Trial in Grade 5. Education Sciences 15(2), 238. https://doi.org/10.3390/educsci15020238
Sarama, J., Clements, D. H., Baroody, A. J., Kutaka, T. S., Chernyavskiy, P., Shi, J., & Cong, M. (2021a). Testing a Theoretical Assumption of a Learning-Trajectories Approach in Teaching Length Measurement to Kindergartners. AERA Open, 7. https://doi.org/10.1177/23328584211026657
Schütky, R. (2022). Der Einfluss des Migrationshintergrundes auf Größenkompetenzen bei Kindern der 3. Schulstufe. R&E-SOURCE, Ausgabe 17. https://doi.org/10.53349/resource.2022.i17.a1060
Smith, J. P., van den Heuvel-Panhuizen, M., & Teppo, A. R. (2011). Learning, teaching, and using measurement: introduction to the issue. ZDM – Mathematics Education, 43(5), 617–620. https://doi.org/10.1007/s11858-011-0369-7
Solis, D., & Isoda, M. (2022). Comparing elementary school textbooks of China, Japan, and Malaysia: a praxeological and developmental progression analysis regarding length measurement. Research in Mathematics Education, 25(3), 359–378. https://doi.org/10.1080/14794802.2022.2103022
Tan Sisman, G., & Aksu, M. (2016). A Study on Sixth Grade Students' Misconceptions and Errors in Spatial Measurement: Length, Area, and Volume. International Journal of Science and Mathematics Education, 14(7), 1293–1319. https://doi.org/10.1007/s10763-015-9642-5
Thiel, O. (2008). Zur Bedeutung von Alltagserfahrungen mit Geld für die Entwicklung arithmetischer Kompetenzen. In J. Ramseger & M. Wagener (Hrsg.), Chancenungleichheit in der Grundschule (S. 215–218). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91108-3_40
van Bommel, J., & Walla, M. (2025). Teaching and Learning of Time in Early Mathematics Education: A Systematic Literature Review. Education Sciences 15(8), 1003. https://doi.org/10.3390/educsci15081003
Walter, D., & Schwätzer, U. (2023). Mathematikapps für die Grundschule analysieren. Zeitschrift für Mathematikdidaktik in Forschung und Praxis (ZMFP), 4. https://doi.org/10.48648/yhp7-0g75
Weiher, D. F. (2023). Das Schätzen von Längen, Flächeninhalten, Fassungsvermögen und Rauminhalten. Entwicklung und Auswertung eines Schätztests für Kinder der vierten, fünften und sechsten Klasse. Dissertation, Leuphana Universität Lüneburg. https://pubdata.leuphana.de/server/api/core/bitstreams/1daa1213-b183-41a1-8a8a-4efa165f5eaf/content
Zacharos, K. (2006). Prevailing educational practices for area measurement and students' failure in measuring areas. Journal of Mathematical Behavior, 25(3), 224–239. https://doi.org/10.1016/j.jmathb.2006.09.003
Zhu, T., Luo, H., & Zhang, L. (2026). Examining the Relationship Between Mathematics-Specific Language and Mathematical Abilities in Children: a Three-Level Meta-Analysis. Educational Psychology Review, 38, Art. 48. https://doi.org/10.1007/s10648-026-10139-2
10. Fazit und Ausblick
Was wir wissen
Die Forschung zu Größen in der Primarstufe lässt sich in fünf Einsichten bündeln.
Messen ist ein Begriff, kein Handgriff. Einheitsiteration, Nullpunkt und räumliches Strukturieren entwickeln sich langsamer, als Schulbücher annehmen. Viele Kinder durchschauen das Lineal erst um die vierte Schulstufe (Kamii & Clark, 1997), und Lernangebote wirken am besten, wenn sie knapp über dem aktuellen Denkniveau ansetzen (Sarama et al., 2021a).
Vorstellbar sind Repräsentanten, nicht Einheiten. Größenvorstellungen entstehen aus vernetzten Stützpunkten, die Kinder handelnd und vergleichend aufbauen (Ruwisch, 2021). Der Lehrplan 2023 hat diesen Gedanken auf die oberste Zielebene gehoben (BMBWF, 2023a).
Schätzen ist trainierbar und vielgestaltig. Es hängt vom Größenbereich und von der Situation ab (Weiher, 2023; Hoth et al., 2022a) und lässt sich gezielt fördern (Peters et al., 2025).
Nicht sichtbare Größen brauchen andere Sinne. Zeit, Masse und Geld verlangen Körper, Hand und Handlung, und sie leiden besonders unter fehlenden Alltagserfahrungen (Reuter, 2011; Thiel, 2008; Burny et al., 2009).
Irritation ist das wirksamste Werkzeug. Kurze, gezielte Konfrontationen mit Widersprüchen überwinden hartnäckige Fehlvorstellungen schneller als Erklärungen (Kwon et al., 2024).
Handlungsempfehlungen für die Volksschule
Aus diesen Einsichten lassen sich konkrete Empfehlungen ableiten:
- Vergleichen und Messen vor Umwandeln. Den Spielraum des Lehrplans („zunächst auch“) nutzen und dem Messen mit selbstgewählten Einheiten genug Zeit geben. Umrechnen erst, wenn Stützpunkte und Einheitenbeziehungen tragen.
- Stützpunkte von Anfang an. Schon in der ersten Schulstufe persönliche Repräsentanten sammeln — im Stützpunkteheft, im Klassenmuseum, am eigenen Körper.
- Jede Schätzung überprüfen. Schätzen ohne Messen bleibt Raten. Der Vergleich von Schätzung und Messung schärft die Vorstellung.
- Schätzen in den Raum holen. Schulhof, Gang und Schulweg bieten Schätzsituationen, die der Tisch nicht bietet.
- Das Lineal entschlüsseln. Kinder ein Lineal selbst bauen lassen und mit verschobenen Objekten messen.
- Flächen früh auslegen. Nicht auf die vierte Schulstufe warten, sondern Flächen schon früher vergleichen, zerlegen und auslegen.
- Sprache bewusst führen. Vergleichswörter dimensionsbezogen einführen, relative Zeitsprache ausdrücklich klären, besonders für mehrsprachige Kinder.
- Diagnostisch beobachten. Fehler als Hinweis auf fehlende Teilkonzepte lesen, mit Instrumenten wie EMBI oder GET arbeiten.
Was wir noch nicht wissen
Mehrere Fragen bleiben offen und verdienen gerade in Österreich Aufmerksamkeit:
- Wie setzen Volksschullehrer\*innen den Lehrplan 2023 im Bereich Größen tatsächlich um, und wie viel Unterrichtszeit fließt in Messen, Schätzen und Umwandeln?
- Wie bereiten approbierte österreichische Schulbücher Größen auf, und welche Aufgabenkultur prägen sie?
- Wie erwerben Kinder mit Deutsch als Zweitsprache Größenbegriffe und die relative Zeitsprache?
- Welche Wirkung haben kreative Zugänge wie Mathe-Trails, Fermi-Aufgaben oder Stützpunkt-Museen im österreichischen Regelunterricht, gemessen an Verständnis und nicht nur an Motivation?
- Wie können Größen im Monitoring der iKMPLUS wieder sichtbar werden?
Ein Schlussgedanke
Größen sind der Ort, an dem Mathematik die Welt berührt. Ein Kind, das weiß, wie lang ein Meter ist, wie schwer ein Kilogramm sich anfühlt und wie lange eine Minute dauert, hat mehr gelernt als Umrechnungsregeln — es hat ein Werkzeug gewonnen, um die Welt zu verstehen. Der österreichische Lehrplan bietet dafür einen guten Rahmen. Ob er gefüllt wird, entscheidet sich im Klassenzimmer, auf dem Schulhof und am Schulweg.
Literatur (Ausblick)
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung. (2023a). Lehrplan der Volksschule (Anlage A zur Verordnung BGBl. II Nr. 1/2023): Neunter Teil – Mathematik (1. bis 4. Schulstufe) und Achter Teil – Mathematische Früherziehung (Vorschulstufe). Bundesgesetzblatt für die Republik Österreich, BGBl. II Nr. 1/2023 (RIS). https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/BgblAuth/BGBLA_2023_II_1/Anlagen_0001_CE7F0AA2_A925_4A4D_8C3C_355D12BD22D1.pdfsig
Burny, E., Valcke, M., & Desoete, A. (2009). Towards an agenda for studying learning and instruction focusing on time-related competences in children. Educational Studies 35(5), 481–492. https://doi.org/10.1080/03055690902879093
Hoth, J., Heinze, A., Huang, H.-M. E., Weiher, D. F., Niedermeyer, I., & Ruwisch, S. (2022a). Elementary School Students' Length Estimation Skills—Analyzing a Multidimensional Construct in a Cross-Country Study. International Journal of Science and Mathematics Education, 21(6), 1841–1864. https://doi.org/10.1007/s10763-022-10323-0
Kamii, C., & Clark, F. B. (1997). Measurement of Length: The Need for a Better Approach to Teaching. School Science and Mathematics, 97(3), 116–121. https://doi.org/10.1111/j.1949-8594.1997.tb17354.x
Kwon, M.-K., Congdon, E., Ping, R., & Levine, S. C. (2024). Overturning Children's Misconceptions about Ruler Measurement: The Power of Disconfirming Evidence. Journal of Intelligence, 12(7), 62. https://doi.org/10.3390/jintelligence12070062
Peters, N., Prediger, S., & Weiss, J. (2025). Fostering Students' Measurement Estimation Skills in a Digital Teaching-Learning Environment: A Class-Wise Randomized Controlled Trial in Grade 5. Education Sciences 15(2), 238. https://doi.org/10.3390/educsci15020238
Reuter, D. (2011). Kindliche Konzepte zur Größe Gewicht und ihre Entwicklung. Theoretische Modellierung und zwei Einzelfallstudien mit Drittklässlern. Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin. https://edoc.hu-berlin.de/items/703898d8-3ffd-4895-b1ed-13d5cc1798cd
Ruwisch, S. (2021). Stützpunkte als Kern des Größenverständnisses und Grundlage des Schätzens. In K. Hein, C. Heil, S. Ruwisch & S. Prediger (Hrsg.), Beiträge zum Mathematikunterricht 2021. WTM. https://doi.org/10.37626/GA9783959871846.0
Sarama, J., Clements, D. H., Baroody, A. J., Kutaka, T. S., Chernyavskiy, P., Shi, J., & Cong, M. (2021a). Testing a Theoretical Assumption of a Learning-Trajectories Approach in Teaching Length Measurement to Kindergartners. AERA Open, 7. https://doi.org/10.1177/23328584211026657
Thiel, O. (2008). Zur Bedeutung von Alltagserfahrungen mit Geld für die Entwicklung arithmetischer Kompetenzen. In J. Ramseger & M. Wagener (Hrsg.), Chancenungleichheit in der Grundschule (S. 215–218). VS Verlag für Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91108-3_40
Weiher, D. F. (2023). Das Schätzen von Längen, Flächeninhalten, Fassungsvermögen und Rauminhalten. Entwicklung und Auswertung eines Schätztests für Kinder der vierten, fünften und sechsten Klasse. Dissertation, Leuphana Universität Lüneburg. https://pubdata.leuphana.de/server/api/core/bitstreams/1daa1213-b183-41a1-8a8a-4efa165f5eaf/content